Kunstvermittlung 2.0 | Teil 1/3

KulturSummary

Tag 1: Einführung in die Kunstvermittlung.

Am 15. und 16. November fand das Symposium „Kunstvermittlung 2.0“ der Europa-Universität Viadrina statt. Frau Prof. Dr. Andrea Hausmann, Leiterin des Masterstudiengangs Kulturmanagement und Kulturtourismus der Universität, lud mich in diesem Rahmen ein, einen Vortrag über die Social Marketing Kampagne anlässlich der Ausstellung „El Greco und die Modere“ im Museum Kunstpalast Düsseldorf zu halten. Welche neuen Inhalte, spannende Cases und interdisziplinäre Vorträge das interessante Symposium ansonsten bot? Hier will ich es für euch zusammen fassen. Und ich kann versprechen: Es wurden vor allem sehr viele gute Beispiele aus der Praxis vorgestellt, weshalb ich mein “kleines Tagebuch” vom Symposium auch in drei Artikel teilen möchte.

Willkommen in Frankfurt (Oder)

Eine kurze Einleitung zu Stadt, Universität und Symposium.
Alle zwei Jahre veranstaltet die Professur für Kulturmanagement der Viadrina ein Symposium zu einem aktuellen Thema, das sich an Akteure aus den Bereichen Ausstellung, Vermittlung, Marketing, Öffentlichkeitsarbeit, Kulturmanagement und Kulturpolitik richtet. Neben Frankfurt an der Oder (Tag 1), war auch Berlin (Tag 2) Veranstaltungsort des Symposiums: Da ich noch nie zuvor in Frankfurt (Oder) gewesen bin, war ich besonders gespannt auf die Stadt. Gut, nach einem ersten Rundgang durch das Stadtzentrum am Vorabend des Symposiums erschienen mir mögliche Freizeitaktivitäten eher überschaubar, aber die Stadt selbst ist stellenweise sehr pittoresk. Vor allem ist es aber das mehr als hundert Jahre alte Hauptgebäude der Universität, das eine ehrwürdige Atmosphäre verströmt.  Aufgrund der Nähe zu Polen – Frankfurt (Oder) grenzt an die Stadt Słubice – begegnet man überall polnischen Einflüssen, z. B. findet man in Geschäften Beschilderung auf Polnisch.

Die wunderschönen Räumlichkeiten der Universität bildeten einen perfekten Rahmen für den ersten Teil der Veranstaltung, die von etwa 150 Personen aus Kunst, Kultur und Wissenschaft besucht wurde. Leider war kein WLAN verfügbar, angesichts des digitalen Schwerpunktes der Veranstaltung ein Manko. Mit einer Begrüßung und Einführung eröffnete Prof. Dr. Andrea Hausmann das Symposium und leitete dann über zum Vortrag von Prof. Dr. Birgit Mandel, Leiterin des Bereichs Kulturmanagement und Kulturvermittlung im Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Prof. Dr. Mandel startete mit einer beeindruckenden Bestandsaufnahme und zeigte dann interessante Perspektiven für Kunstvermittlung auf:

Vortrag | Prof. Dr. Birgit Mandel:
Quo vadis Kunstvermittlung 

1. Bestandsaufnahme und Perspektiven für ein komplexes Arbeitsfeld.
Zunächst erläuterte Frau Prof. Dr. Mandel erfolgreiche Praxisbeispiele zur Kunstvermittlung 2.0:

ARTivity, das virtuelle Programm für Kunstvermittlung der Albertina, Wien.
Es bietet unter anderem Anleitungen für Rundgänge sowie die Möglichkeit, sich intensiv im Web auf den Museumsbesuch vorzubereiten und ihn ebenso nachzubereiten. Tipps für praktische Arbeiten für unterschiedliche Altersgruppen sowie spielerische Rallyes machen Lust auf die Ausstellungen der Albertina.

Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker
Das Konzept greift das neue Rezeptionsverhalten der Menschen auf und veranstaltet Online-Konzerte, so dass man für das Kulturerlebnis nicht mehr das Kulturinstitut selbst besuchen muss.

• Videodokumentation eines Flashmobs des Staatsballetts Berlin
Ein weiteres Beispiel für indirekte Kunstvermittlung war der vom Staatsballett Berlin organisierte und gefilmte Flashmob im Berliner Hauptbahnhof anlässlich der Vorstellung „Wizard of Oz“: Das Youtube-Video verzeichnet mittlerweile fast 1 Mio. Klicks und profitiert von dem Viral-Prinzip sozialer Netzwerke.

Flashmob Hauptbahnhof Berlin Staatsballett Berlin | Flashmob Mainstation Berlin Staatsballett Berlin

2. Kulturvermittlung baut Brücken und moderiert Kommunikationsprozesse.
Als nächstes gab Frau Prof. Dr. Mandel einen Überblick über die Ziele der Kunst- bzw. Kulturvermittlung (sie bevorzugt den Oberbegriff der Kulturvermittlung): Neben einer Übersetzung der Kunst, biete Kulturvermittlung Anregungen für das eigene Leben an, vermittele Kunst und vermittele nicht zuletzt innerhalb der Kunst. Es gehe im engeren Sinne darum, Menschen Zugänge zur Kunst zu verschaffen und damit die Rezeption von Kunst zu ermöglichen bzw. zu erleichtern sowie um die Schaffung von Kunstverständnis als Form der gehobenen Freizeitbeschäftigung. Daneben existiere Kulturvermittlung als Vermittlung künstlerischer Techniken wie beispielsweise Gestaltungsvermögen. Eine „Nebenfunktion“ der Kulturvermittlung im Gewand von Kulturmarketing, PR oder Audience Development schaffe Aufmerksamkeit für Kunst, beeinflusse das Image von Kunst und gewinne ein größeres bzw. ein neues Publikum. In der pädagogischen Ausprägung, erklärte Prof. Dr. Mandel, rege Kulturvermittlung das kreative Ausdrucksvermögen an und fördere Schlüsselkompetenzen wie Kreativität, Kommunikationsfähigkeit und Reflexionsfähigkeit, bilde mündige Bürger heraus und stifte Identität, Gemeinschaft sowie interkulturellen Austausch.

Kulturvermittlung könne also als Brückenbauer zwischen künstlerischer Produktion und Rezeption verstanden werden: Sie moderiere Kommunikationsprozesse über und mit Kunst und animiere zum ästhetischen Gestalten auch außerhalb des professionellen Kunstbetriebs.

3. Vom autorisierten Kunstsprecher zum Anstifter für kulturelle Partizipation.
Nachfolgend skizzierte Frau Prof. Dr. Mandel die Entwicklung der Kulturvermittlung. Die heutige Ausprägung der Kulturvermittlung basiere auf den Forderungen der „Neuen Kulturpolitik“ der 70er Jahre: „Kultur für alle“ (Hilmar Hoffmann) sowie „Bürgerrecht Kultur“ (Hermann Glaser). Im Mittelpunkt habe der Schwellenabbau gestanden, der dazu führte, dass die Kulturpädagogen sich von ihrem Negativ-Image als „Banalisierer von Kunst“ erholen konnten und dass erste Kulturvermittlungsstudiengänge eingerichtet wurden – aktuell existieren 364 Studienangebote für Kunstvermittlung in Deutschland. Ab Mitte der 90er Jahre entstand laut Prof. Dr. Mandel ein Wandel von der Angebotsorientierung zur Nutzerorientierung: Das Kulturpublikum wurde entdeckt und der Begriff „Audience Development“ manifestiert. Die desaströsen Ergebnisse der Pisa-Studie führten zudem zur Neubewertung der Kulturvermittlung mit dem neuen Ziel, Kunst und Kultur für Bildungszwecke zu nutzen. Das aktuelle Schlagwort „Interkulturelles Audience Development“ wurde von Prof. Dr. Mandel als Change Management Prozess von Kultureinrichtungen bezeichnet, denn langsam aber sicher würde der traditionelle Kulturbetrieb hinterfragt. Dabei gehe es vor allem um die Perspektive: Verändert der Kulturbetrieb die Besucher oder verändert er sich selbst? Und wie verändern die Besucher die Kulturinstitutionen, nicht nur durch demographische Faktoren oder Bildungsniveaus, sondern durch ihre ethnische Herkunft? Dabei werde die so häufig geforderte Kunstvermittlung auf Augenhöhe der Nutzer in Form von partizipativen Angeboten durch das Web 2.0 nur noch verstärkt.

4. Web 2.0 macht die Menschen zu Prosumenten.
Das Web 2.0 habe die Produktion, Rezeption und Vermittlung von Kultur komplett verändert, so Frau Prof. Dr. Mandel: Web 2.0 sei das sogenannte „Mitmach-Netz“, ein partizipativer und interkultureller Ort ohne Hierarchien. Es sei frei zugänglich, niedrigschwellig und fehlerfreundlich und biete den Usern Alltagsplauderei statt reiner Informationsvermittlung an. Durch den fließenden Übergang zwischen der Rezeption und Produktion werde der User zum sog. „Prosumenten“ (Produzent und Konsument). Darüber hinaus gäbe es im Web 2.0 keine Trennung zwischen E und U bzw. Hoch- und Populärkultur. Empirische Studien belegten zudem, dass das Internet als häufigste Informationsquelle und Kommunikationsraum für Jugendliche fungiere: Laut dem Jugendkulturbarometer 2012 seien 100% der 14-19-Jährigen online. Aber: Nur eine Minderheit sei dabei aktiv gestaltend, die Mehrheit konsumiere ausschließlich (Quelle: Medienpädagogischer Forschungsverlag 2010).

Prof. Dr. Mandel zog das Fazit, dass Kulturvermittlung durch das Web 2.0 noch viel Potenzial in sich berge. Allerdings erschwere die Tatsache, dass im Web 2.0 die Deutungshoheit über relevante Inhalte keine Rolle mehr spiele und durch das demokratische Prinzip die Rolle des autorisierten Kunstsprechers wegfalle, die Implementierung von neuen Ansätzen in Kulturinstituten.

Fazit: Das Web 2.0 als eigenen interkulturellen Raum akzeptieren, darin mitspielen und lernen.
Auf die Frage, wie man mit diesen eher entmutigenden Aussichten umgehen sollte, empfahl Prof. Dr. Mandel, Web 2.0 als eigenen interkulturellen Raum zu akzeptieren, darin nach den Regeln mitzuspielen und davon zu lernen. Es ginge ihrer Meinung nach um die Überwindung eines normativen Kulturbegriffs und eines traditionellen Kunstkanons. Zugleich sollten Kulturinstitute Lust auf sinnliche und kommunikative Live-Kultur machen und ein guter Gastgeber für neue Zielgruppen sein. Dabei sähe sie die Rolle der Kulturvermittler als professionelle Moderatoren zwischen der realen und digitalen Welt, die dafür sorgen, dass aus Kunst kulturelle Werte entstehen: live und im Netz.

Übrigens: Frau Prof. Dr. Mandel ist Herausgeberin des Fachportals www.kunstvermitteln-online.de des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim, das Forschungsaktivitäten im Rahmen der Kunstvermittlung vernetzt.

Weiter zu: Teil 2 Summary 4. Viadrina Kulturmanagement Symposium – Kunstvermittlung 2.0
Weiter zu: Teil 3 (noch nicht veröffentlicht)

Add a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *