Schmeckt irgendwie anders: Das Dortmunder U.

Dortmunder U Head

Wo vor Jahren noch Hopfen und Malz  kesselten und dann ein kleiner Flohmarkt sein Dasein fristete, wird heute wieder gebraut: und zwar Kunst und Kreativität. Mit jungen Köpfen und frischen Ideen. Das Dortmunder U mit seiner markanten Lichtinstallation weckt schon von außen die Hoffnung auf einen tollen Kulturtag. Und hält sein Versprechen. Denn das Dortmunder U ist mehr als das neue Zuhause vom Museum am Ostwall. Es ist ein Kulturzentrum von morgen, in dem Kulturpartner und Hochkultur, Kunst und Kreativität mit Szene und Lifestyle verschmelzen. Gesehen, nicht nur mit dem Auge des Besuchers, sondern auch mit dem Blick des Kommunikationsinteressierten.

Aber der Reihe nach: Wer das Haus betritt und sein Ticket gelöst hat, wird von einem beeindruckenden Raumgefühl begrüßt. Die Decken des ehemaligen Kellereihochhauses sind im Treppenbereich geöffnet. Wie schwebend scheinende Rolltreppe laden ein, jede Etage für sich zu erkunden. Und genau das mache ich. Kommt ihr mit? Ach ja, bei so viel Lob für das Architekturkonzept bleibt eigentlich nur ein kleiner Kritikpunkt: Wie schaffe ich es, mich trotz der klaren Aufteilung dennoch immer wieder zu verlaufen. Vielleicht ist die Wegeleitung noch ein paar Überlegungen wert. Aber Schwamm drüber, los geht’s.

Etage 1 | Das Gebäude vernetzt sich.
Im gesamten Gebäude erlebt man eine Vernetzung der verschiedenen Partner, die das Wirkungsprinzip einer globalisierten und vernetzten Welt auf beispielhafte Art und Weise widerspiegelt. Zum Beispiel wird auf der ersten Etage, dem Domizil der TU und FH Dortmund, ein Kooperationsprojekt mit dem Titel „Moving Plot – Moving People“ zwischen den Designstudenten der FH Dortmund und der U2_Kulturelle Bildung gezeigt. Diese Ausstellung basiert auf dem geänderten Mediennutzungsverhalten der Menschen und beleuchtet mithilfe von Installationen, Videos und partizipativen Elementen das Thema „Typographie“. Die Besucher werden unter anderem aufgefordert, mit unsichtbarer Tinte ihre persönlichen Botschaften auf die Wände zu schreiben, die nur mit den entsprechenden Schwarzlicht-Taschenlampen sichtbar gemacht werden können und dadurch ein vollkommen verändertes Kommunikationsverhalten auslösen. Zahlreiche Exponate basieren auf dem Mitmach-Prinzip, wie z. B. die WhatsApp-Installation „Everyday Movements Using WhatsApp“, die kontinuierlich von den Besuchern ergänzt wird und auf diese Weise die inflationäre Nutzung dieses Dienstes dokumentiert. Erschreckend, wenn man in den Einstellung von WhatsApp schwarz auf weiß sieht, wie viele Nachrichten man bereits verschickt und erhalten hat! Spannend ist auch die Sektion mit dem Schwerpunkt „Überwachung“, die auf sehr direktem Weg die aktuellen Debatten rund um die NSA-Bespitzelungsaffäre, Privatsphäre etc. präsentiert.

Ausblick und Ausstellungen – Kunst und Kreativität.


Etage 2 | Neue Perspektiven durch Kunst und kreatives Denken.
Auf der zweiten Ebene des Gebäudes veranstaltet das Zentrum für Kulturelle Bildung unter dem Namen U2_Kulturelle Bildung ein breit aufgestelltes Vermittlungsprogramm für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Dabei werden der Programmgestaltung die Anforderungen der heutigen digitalen Welt ganz besonders zugrunde gelegt. Zielsetzung ist, jungen Menschen mithilfe von Kunst neue Perspektiven zu eröffnen und das kreative Denken zu schulen. Das gesamte Programm mit Workshops, Kursen und Ausstellungen findet zu festen Zeiten statt. Ihr findet es unter diesem Link.

Etage 3 | Zeit für zeitgenössische Medienkunst.
Ein weiterer Partner im U ist der Hartware MedienKunstVerein (HMKV), der sich der Präsentation und Vermittlung von zeitgenössischer Medienkunst verschrieben hat und auf der 3. Ebene gastiert. Bei meinem Besuch war der Kunstverein leider gerade wegen eines Ausstellungsaufbaus für das kommende Projekt geschlossen. Die Schau „World of Matter – Über die globalen Ökologien von Rohstoff“, die ab dem 1.3.2014 gezeigt wird, veranschaulicht über einen interdisziplinären Ansatz die Bewegungsstrukturen von Rohstoffen und Materialien wie Wasser, Kohle, Erdöl, Luft, Fisch, Gold und Plastik.

Etage 4 und 5 | Ein neues Zuhause für das Museum am Ostwall.
Das Museum am Ostwall ist ins Dortmunder U umgezogen und zeigt auf zwei Etagen Werke aus seiner ständigen Sammlung unter dem Titel „Sammlung in Bewegung. Anybody can have an Idea“: Von Fluxus über Malerei des Expressionismus und ZERO bis hin zu Fotografien und Videoarbeiten der Gegenwart wird ein Bogen vom 20. Jahrhundert bis in die Jetztzeit gespannt. Eine spannende Sammlung, die jedoch an der einen oder anderen Stelle ein wenig mehr Luft vertragen könnte. Wer gelegentlich im alten Museum am Ostwall – damals noch am Ostwall – herein geschnuppert hat, wird verstehen, wenn ich hier von einer eher kompakten Ausstellungsarchitektur spreche. Was mich als Nichtdortmunderin zu der Frage führt: Was beherbergt das alte Museum am Ostwall eigentlich jetzt?

Etage 6 | Im Oberlichtsaal des Dortmunder U wartet eine spannende Installation, die eigentlich nur aus QR-Codes besteht.
Ein spektakuläres Bild bietet sich den Besuchern beim Betreten der Ausstellung „Moving Types“ im sogenannten Oberlichtsaal auf der 6. Ebene: Hunderte beleuchtete Würfel mit QR-Codes baumeln an dünnen Fäden im Raum. Um diese auch nutzen zu können, wird jeder Besucher zunächst mit einem iPad ausgerüstet. Bequeme Sitzgelegenheiten in dem futuristisch anmutenden Raumaufbau laden die Besucher ein, via Scanvorgang der QR-Codes mit zahlreichen internationalen Videos und Interviews die Entwicklung von Buchstaben in Film und Werbung nachzuverfolgen. Neben Kinderfilmen, Computeranimationen, Trailern von bekannten Filmen, Werbespots und Musikvideos geben Interviews mit diversen Akteuren aus der Medienwelt einen Einblick in die Welt der Typographie. Daneben wird die Kommunikation unter den Besuchern angeregt: Jeder kann die filmischen Exponate sammeln, bewerten, teilen und sich auf diese Weise mit anderen vernetzen. Die vielfach ausgezeichnete Ausstellung ist ein Kooperationsprojekt von Prof. Anja Stöffler vom Institut für Mediengestaltung der Fachhochschule Mainz und Prof. Ralf Dringenberg von der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch-Gmünd sowie dem Gutenberg-Museum Mainz (Dr. Annette Ludwig). Nach dem Ausstellungsbesuch erhalte ich einen kleinen Zettel. Darauf die Zugangsdaten zur Installation – eine schöne Erinnerung und ich zappe ab und an mal rein.

Was bleibt | Ein perfekter Kulturtag im Dortmunder U und ein ganz anderer Kulturgeschmack.
Ein Besuch mit Erinnerungswert. Auch wenn ich schon viel gesehen habe, schmeckt dieser Kulturbesuch irgendwie anders. Vielleicht bodenständiger, vielleicht jünger, neuer und ein wenig mutiger. Irgendentwas macht Dortmund anders. Und sie machen es so gut, dass sie damit aus dem Einheitsstrukturwandel des Ruhrgebietes mehr als heraus stechen. In dieser Stadt steckt Leben. Übrigens: Mit dem Besuch all dieser spannenden Kulturräume kann man wunderbar an einem Samstagnachmittag starten und sich das manchmal etwas verstaubte Kulturköpfchen kreativ durchpusten lassen. Kultur macht natürlich irgendwann hungrig und auch da kann das Dortmunder U mit einem vielseitigen gastronomischen Angebot Abhilfe schaffen. Die Gastronomie ist multifunktional aufgebaut. Stillt das Restaurant in der 7. Etage unter dem Oberbegriff View den Hunger der Kultursuchenden in Form eines Bistros, verwandelt es sich freitags, samstags und vor Feiertagen ab 19 Uhr in die sogenannte Klubküche. Dort können Partygänger sich für eine lange Clubbing Nacht stärken und diese auch direkt dort einläuten: Denn die Klubküche wirft ab 23 Uhr den Küchen-Teil ab und wird zum Dance-Club. Atemberaubender Blick über die Dortmunder City von der Dachterrasse inklusive!
Wer es eher fleischlastig mag, geht ins Emil, das im Gewölbekeller des U dienstags bis sonntags von 18 bis 00 Uhr geöffnet hat. Alternativ kann man den Abend auch mit ein paar Cocktails und spanischen Tapas in der Bar Moog im Erdgeschoss des Dortmunder U beginnen, dann oben im View die Aussicht genießen und abtanzen. Und wer dann immer noch nicht müde ist, kann weiterziehen in die 2 Minuten entfernte Marlene Bar und dort in entspannter Wohnzimmeratmosphäre tanzen, trinken und nette Leute kennenlernen. Auch Spieler von Borussia Dortmund wissen das Kleinod zu schätzen.

 

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