Böse Clowns im HMKV

Vom Unterhaltungskünstler zur Schreckensgestalt: Ein  Personal Rebranding der besonderen Art.

Die Ausstellung „Böse Clowns“ im Dortmunder HMKV (Hartware MedienKunstVerein) zeigt einen drastischen Imagewandel der Clowns-Figur. Ich war da und gebe euch hier einen Einblick.

Wie oft habt ihr euch schon Ausstellungen mit kunterbunten, gepunkteten und gestreiften Wänden angeschaut? Ich habe dies zum allerersten Mal getan – und zwar im HMKV, kurz für Hartware MedienKunstVerein, der im Dortmunder U beheimatet ist. Vor einiger Zeit bereits erkundete ich  das Dortmunder U, ein lebendiges und vernetztes Zentrum für Kunst und Kreativität, und war schwer beeindruckt von den Projekten und der außergewöhnlichen Location in einem ehemaligen Kellerhochhaus der Dortmunder Union-Brauerei. Den Bericht dazu könnt ihr hier nachlesen.

Nun aber zum HMKV: Der Verein, der sich seit nahezu 20 Jahren der Produktion, Präsentation und Vermittlung von zeitgenössischer (Medien-)Kunst verschrieben hat, versteht Medienkunst in einem weiten Kontext, nämlich als Kunst, die sich mit unserer medial geprägten Gegenwart auseinandersetzt. „Böse Clowns“ ist eine Ausstellung, die ganz im Zeichen dieser Zielsetzung steht und die sich mit der ambivalenten Figur des Clowns beschäftigt. Und diese Ambivalenz bekommt man als Besucher sehr schnell zu spüren:

Wo noch beim Betreten der Ausstellung eine farbenfrohe Architektur Leichtigkeit und Spaß suggeriert, wird spätestens nach wenigen Schritten klar, dass dieser erste Eindruck trügt. So wie es auch eine lächelnde Clownsfigur tun kann.

Überdimensionale Masken und Fratzen von Joker, Stephen Kings Pennywise und die maskierten Aktivisten von Anonymous dominieren den Raum und scheinen mich auf Schritt und Tritt zu begleiten. Trotz der fröhlichen Raumgestaltung ertappe ich mich dabei, wie ich leise von Exponat zu Exponat schleiche. Dr. Inke Arns, künstlerische Leiterin des HMKV und Kuratorin der Ausstellung sagt über das Projekt:

„Die Ausstellung widmet sich der Figur des Bösen Clowns – in der zeitgenössischen Kunst aber auch in der Populärkultur (Spielfilme, Musikvideos, Werbung, politischer Aktivismus). Was die Künstler – und auch mich – ganz allgemein fasziniert, ist die Ambivalenz der Clowns-Figur. Diese Figur ist so überzeichnet lustig, so übertrieben bunt, und ihr Lächeln so starr, dass man sich ein bisschen unwohl fühlt. Kinder verstehen sofort, dass der Clown eine Maske ist – und sie wissen nicht, was sich dahinter verbirgt. Seit den 1980er Jahren, seit der Clown in Filmen wie „Es“ oder „Killer Klowns from Outer Space“ sein Unwesen treibt, wissen wir es: Es ist das pure Grauen.“

Der Clown blickt auf eine lange Tradition zurück: Als Hofnarr hatte er im Mittelalter nicht nur die Funktion, den Hofstaat zu unterhalten und zu belustigen, sondern auch das Privileg, frei Kritik zu äußern. Ähnlich könnte man vielleicht auch die achtteilige Serie U 3000 des 2010 verstorbenen Künstlers Christoph Schlingensief betrachten: Unter dem Vorwand einer Einladung zu einer Talkshow lud der Künstler zwei ahnungslose Gruppen in eine Berliner U-Bahn ein: “B-Promis” sowie sozial schwache Menschen. Was passierte?

In der auf MTV ausgestrahlten Serie sieht man die um Fassung ringenden Schlagerstars Maria und Margot Hellwig, sich bloßstellende Sozialhilfeempfänger, Behinderte und Christoph Schlingensief, der inmitten des tobenden Chaos als eine Art moderner Narr unserer Spaßgesellschaft gewissermaßen den Spiegel vorhält.

Nele, eine freie Mitarbeiterin des HMKV erklärt, dass es zwei Ebenen in der Ausstellung gibt: Künstlerische Positionen, wie z. B. Installationen, Objekte oder Fotografien werden ergänzt durch sogenannte assoziative Fenster, die Kontexte zu politischen, sozialen und gesellschaftlichen Entwicklungen rund um das Phänomen des Maskierens liefern. Wir gehen weiter und passieren eine Fotografie von Cindy Sherman, ein Selbstportrait als trauriger Clown und gleichzeitig Shermans erste digital bearbeitete Arbeit. Nach eigener Aussage will Cindy Sherman in dem Werk die emotionalen Abgründe sichtbar machen, die eine Maske verbergen und auslösen kann.

Die nächste Arbeit, die wir uns anschauen, beleuchtet das Thema Böse Clowns eher im weiteren Sinn: Der Netzkünstler Constant Dullaart hat das Werk „High Retention, Slow Delivery“ speziell für diese Ausstellung kreiert und kritisiert darin die seit dem Aufkommen der Sozialen Netzwerke entstandenen neuen Machtstrukturen und Wertedefinitionen, die sich nach der Anzahl von Followern und Fans bemessen. Um zu zeigen, wie beeinflussbar diese neue „Währung“ ist,  kauft Dullaart 2,5 Millionen gefakte Follower und verteilt diese an Künstler, Galerien und weitere Wortführer auf Instagram und Twitter. Ziel des Ganzen ist es, durch eine Umverteilung der Fake-Follower ausgewählte Accounts wie z. B. von der Gagosian Galerie oder von Jeff Koons auf eine Follower-Zahl von 100.000 zu setzen, damit Ungleichgewichte zu egalisieren und bestehende Machtstrukturen aufzubrechen.

Auch hier steht Dullaarts Arbeit symbolisch für den Bösewicht, der sich unter der Maske von Instagram, Facebook & Co. versteckt und uns zu wahnwitzigen und “närrischen” Aktionen verleitet, um unseren Hunger nach Aufmerksamkeit zu stillen.

Ein weiteres Werk, das mich sehr beeindruckt, ist die Dreikanal-Videoinstallation von Abner Preis „The Village’s biggest Loser“, die auf eine Kurzgeschichte von 1948 mit dem Titel „The Lottery“ zurückgeht. In der Kurzgeschichte nehmen alle Bewohner eines kleinen Dörfchens an einer Lotterie teil, ohne zu wissen, dass der „Gewinn“ eine öffentliche Steinigung ist. Abner Preis wandelt den Plot insofern ab, dass der „Gewinner“ nicht gesteinigt, sondern aus der Dorfgemeinschaft ausgegrenzt wird. Man sieht die als Clowns verkleideten Dorfbewohner wie sie den Tag als fröhliche Gemeinschaft beginnen. Doch auch hier trügt die bunte Aufmachung: Am Ende des Tages wenden sich alle Bewohner von der Person ab, die das gefürchtete Los zieht. „The villagers become evil clowns“, heißt es im Video. Damit die Ausstellungsbesucher mit Haut und Haaren in die Geschichte einsteigen, werden sie aufgefordert, sich mit bereitliegenden Kostümen als Clowns zu verkleiden. Eine Aktion, die sehr gut ankommt, weil sie die HMKV Besucher involviert und zum Teil des Kunstwerks werden lässt, erzählt mir Nele. Für das Video wurden übrigens Laiendarsteller aus Dortmund und Umgebung eingebunden, die sich einen ganzen Tag lang im Rahmen eines Workshops auf ihre Rollen vorbereiteten und damit ebenso wie mit dem Dreh in der bereits eröffneten Ausstellung für Aufsehen bei den Besuchern sorgten.

Zurück im jetzt. Es gab einen klar definierbaren Wendepunkt in der Wahrnehmung von Clowns, sagt Inke Arns: „Zurückführen kann man diese Wandlung auf Pogo den Clown, einen Serienkiller in den USA, der in den 1970er Jahren über 30 Jungen und junge Männer sexuell missbrauchte, umbrachte und unter seinem Haus verscharrte. Er trat daneben gerne im selbstgenähten Clownskostüm auf Straßenfesten auf, um Kinder zu erfreuen. Dieser Killer wurde gewissermaßen zum „Stammvater“ aller Bösen Clowns – und auch der Figur des Joker, des psychopathischen Gegenspielers von Batman.“

Eine Begebenheit, die Stephen King vermutlich zu seinem Werk „Es“ inspirierte, in dem der grausame Clown Pennywise sein Unwesen treibt. An diesem drastischen Imagewandel hat sicherlich auch Ronald McDonald, die bekannte Werbefigur von McDonald’s, zu knacken, der tatsächlich nicht mehr so stark in Erscheinung tritt wie früher. Ganz deutlich wird allerdings dieser Imagewandel an der Aktion des sogenannten Nothampton Clowns: 2013 tauchte plötzlich ein Clown in der zentralenglischen Stadt auf, stand wochenlang an Straßenecken und winkte den Menschen zu. Mehr nicht. Doch die Reaktionen waren bezeichnend: Die Menschen waren nicht nur irritiert, sondern regelrecht verängstigt und flüchteten.

So schnell können sich Zusammenhänge ändern, Bedeutungen verschieben und neue Muster entstehen. Und in der digitalisierten, schnelllebigen Welt der sozialen Medien und der leichten Unterhaltung geht so etwas noch viel schneller. Dr. Inke Arns fasst zusammen:

„Ich denke, dass sich in der Figur des Bösen Clowns ein Unbehagen formuliert, welches sich – parallel zum Siegeszug des Neoliberalismus – tief ins kollektive Unbewusste eingeschrieben hat. Tief drinnen wissen wir, dass die Welt nur an der Oberfläche bunt, lustig und unterhaltsam ist – sobald man jedoch an der Oberfläche kratzt, quillt das Grauen hervor. Und das ist natürlich hausgemacht.“

Die Ausstellung läuft noch bis zum 8. März im HMKV auf der 3. Etage des Dortmunder U. Öffnungszeiten: Di-So 11-18 Uhr, donnerstags und freitags bis 20 Uhr.

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