HMKV goes Twitter: Tweetup & erster Twitter-Guide der Welt

Die Ausstellung “Das Mechanische Corps. Auf den Spuren von Jules Verne”: Futuristisch & Retro

Das Erste, das ich beim Betreten des Ausstellungsraumes vernehme, ist ein ohrenbetäubendes Ticken. Die Uhr dazu hat keine Zeiger, denn die Künstlerin Alicja Kwade seziert Uhren und nimmt ihnen so ihre Sinnhaftigkeit und Präsenz. Gleich danach werde ich in eine Geräuschwolke aus atonalen Sounds, Bohrgeräuschen, und Kinderstimmen eingehüllt. Dazu kommt: Überall bewegt es sich, als ob die Ausstellung ein Eigenleben führt. Der große, offene Raum hat fast keine Zwischenwände und vereint eine auf den ersten Blick fast schon aufreibende Vielzahl unterschiedlichster Werke. Nahezu alle meine Sinne sind bis aufs Äußerste gefordert: Eine überdimensionale, raumgreifende, antik wirkende Turbine bestehend aus den Lamellen einer modernen Jalousie dominiert den Raum und wirft lange Schatten in alle Richtungen – das Werk von Florian Mertens demonstriert auf eindrucksvolle Weise das Thema der Ausstellung „Das Mechanische Corps. Auf den Spuren von Jules Verne“ im Dortmunder HMKV (Hartware MedienKunstVerein), die sich mit einem aufkommenden ästhetischen Rückgriff von Kunst, Mode, Design, Literatur, Film und Comic in das Jahrhundert der Industrialisierung beschäftigt.

Technik + Steampunk + Maschinen + Comics + Zeichnungen = Das Mechanische Corps

Augenscheinlich alte Gegenstände entpuppen sich als technische Wunderwerke, modernste Technik ist in altes Dekor gehüllt und lockt Besucher zunächst auf eine falsche Fährte. Das Phänomen Steampunk – eine Bewegung, die ihre Sehnsucht nach dem viktorianischen Zeitalter in fantasievollen Kostümen und auf alt getrimmten Objekten ausdrückt, begegnet mir überall in dem Ausstellungssaal: von einem mit Zahnrädern und Schrauben verzierten Gameboy der mexikanischen Künstlerin Wendy Esmeralda Castillo über die – übrigens noch funktionierende – „Ghost Hunter Pistole“ von Alexander Schlesier alias Steampunker bis hin zu den bizarr-schönen Hüten von Amanda Scrivener. Hier steht Steampunk im Dialog mit Maschinen, Comics, Zeichnungen und skulpturalen Werken, wie z. B. dem „Soundpanzer“ von Nik Nowak, einem martialisch anmutenden 1,5 Tonnen schweren Kettenfahrzeug mit 13 Lautsprechern oder „RUDI 1“, einer Art Luftschiff mit Ruderantrieb von Roland Fuhrmann, das poetisch durch die Luft gleitet oder dem an einen fliegenden Teppich aus 1001 Nacht angelehnten golden schimmernden Werk „Abraham 1“ von Viron Erol Vert.

Die Herausforderung: Vermittlung und Vermarktung einer maschinen- und techniklastigen Ausstellung

Die Ausstellung vereint Werke von mehr als 40 deutschen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern, die sich alle augenscheinlich von Jules Verne haben inspirieren lassen. Doch wie vermittelt und vermarktet man eine solche Ausstellung, die mit viel erklärungsbedürftigem technischen Gerät und einer eher männlich-rauen Atmosphäre daher kommt?

Der 1. Schritt: Tweetup #soundpanzer mit Panzer-Cookies, einer Kellertour und einem Panzer, der kein Panzer ist

Der HMKV setzte dazu auf die sozialen Netzwerke und zwar schwerpunktmäßig auf den Microblogging Dienst Twitter. Für die digitale Community veranstaltete der HMKV am Vorabend der Ausstellungseröffnung sein erstes Tweetup: Gemeinsam mit dem Kurator Christoph Tannert und der künstlerischen Leiterin Dr. Inke Arns wandelten 12 Twitterati auf den Spuren von Jules Verne. Welche Faszination übt die Ästhetik der alten Maschinen auf Künstler aus und welche Verbindungen gibt es zu Jules Verne? Diese und weitere Fragen wurden auf einem Rundgang durch die Ausstellung gemeinsam diskutiert.

Das Highlight des Abends war die Begegnung mit dem Berliner Künstler Nik Nowak, der in dem Keller des Dortmunder U seinen Soundpanzer aufbaute, der eigentlich gar keinen militärischen Hintergrund hat, sondern ursprünglich ein Baugerät war. Bereits am Ausgang des Fahrstuhls wurden die Twitterati von satten Bässen empfangen und konnten mit dem Künstler hautnah über seine Faszination für die Ästhetik von Panzerfahrzeugen und seine Leidenschaft für den Sound plaudern. Das Ergebnis: Mehr als 450 Tweets wurden unter dem Hashtag #soundpanzer abgeschickt und somit eine Reichweite von 500.000 Impressions erzielt. Auch von außen schalteten sich Twitterati wie z. B. das Museum für Kommunikation Frankfurt, die Herbergsmütter oder das Marta Herford ein und begleiteten den Abend aus der Ferne. Der Hashtag #soundpanzer bestimmte den Abend über die deutschen Trending Topics von Twitter und erreichte zeitweise Platz 3. Neben Twitter nutzen die Teilnehmer auch andere Kanäle wie Instagram, Vine und Blogs. Eine Dokumentation des Tweetups ist via Storify zu finden. Der Nebeneffekt: Viele Besucher der Ausstellungseröffnung am Folgetag twitterten weiter und verlängerten somit den Effekt über das Tweetup hinweg.

Der 2. Schritt: Der erste Twitter-Guide der Welt

Für die Vermittlung der Ausstellung ging der HMKV experimentell vor: Da es klassische Audioguides für Kunstausstellungen in Hülle und Fülle gibt, hatte der HMKV die Idee, auch hier Twitter zu nutzen und entwickelte den ersten Twitter-Guide der Welt. Es kann so einfach sein!

Das Ziel: Fantasie der Besucher mit Geschichten von anderen Menschen anregen

Die Überlegungen im Vorfeld bestanden darin, den Ausstellungsbesuchern die fantastischen Welten von Jules Verne mithilfe von Impulsen zu erschließen, neue Assoziationen zu wecken und ihre Fantasie über die Perspektive von externen Akteuren anzuregen – eben nicht traditionell über einen autorisierten Sprecher, sondern mit den Geschichten anderer Menschen. Denn der HMKV versteht Kunstvermittlung nicht ausschließlich als klassische Übersetzungsleistung, sondern als Möglichkeit zur Aktivierung eigener Kreativpotenziale und als Chance auf den Abbau von Schwellenängsten.

Die Zutaten: Eine Einladung per “analogem” Tweet, die Herbergsmütter & ein Workshop

Mit der Idee begeisterte der HMKV die Herbergsmütter, die ein Workshop-Konzept zur Erarbeitung der Inhalte entwickelten. Ausgewählte kulturinteressierte Menschen wurden mit einem analogen „Tweet“ eingeladen, an einer Abenteuerreise teilzunehmen. Mehr wussten die acht Teilnehmer nicht, die Mut bewiesen und sich auf das nicht näher spezifizierte Abenteuer einließen.
Am Tag der Eröffnung war es schließlich so weit: Die acht eingeladenen Teilnehmer näherten sich in einem ganztägigen Workshop mit Hilfe von verschiedenen Kreativaufgaben und Denkanstößen den Werken und erarbeiteten so die Inhalte für den HMKV Twitter-Guide.

Sie bekamen Expeditionskarten an die Hand, mit denen sie die Ausstellung erkundeten und hatten die Gelegenheit während eines Speeddatings die Künstler, den Kurator und die Künstlerische Leiterin des HMKV live zu treffen und zu befragen. Der Geräuschteppich beim Speeddating war beeindruckend! Weiterhin planten die Teilnehmer eigene Reisen inspiriert von den Romanen Jules Vernes und begaben sich in Teams auf unterschiedliche Erkundungstouren, die der Besucher im Twitter-Guide nachgehen kann. Ob unter dem Motto „20.000 Meilen unter dem Meer“, „In 80 Tagen um die Welt“ oder „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ – entstanden sind inspirierende, poetische und ein wenig verrückte Touren.

Die Menschen: Eine heterogene Gruppe für einen multiperspektivischen Zugang

Für das Projekt suchte der HMKV eine bunt gemischte Gruppe mit Persönlichkeiten aus Kultur, Wirtschaft, Medien und Wissenschaft, wie z. B. Maike Kranaster alias Dortmundermädel, Tanja Neumann, Social Media Managerin unter anderem im Museum für Kommunikation Frankfurt, 1LIVE Moderator Mike Litt und dem Japanologen Sven Jakubowski. Die Teilnehmer haben ihre unterschiedlichen Blickwinkel im HMKV Twitter-Guide eingebracht und bieten dem Besucher ungewohnte Betrachtungsweisen der Kunstwerke.

Das Ergebnis: zeitgemäße Vermittlung von Kunst in nur 140 Zeichen

Das Ergebnis ist eine neue, sehr persönliche Perspektive auf die Kunstwerke in nur 140 Zeichen und ein neuer Ansatz für die zeitgemäße Vermittlung von Kunst in einer Welt, die mit dem radikal veränderten Mediennutzungsverhalten der Menschen Schritt halten muss. Die inhaltliche Reflektion der Ausstellungsinhalte in aller Kürze spiegelt nicht nur unsere schnelllebige Welt wider: Um eine Botschaft in 140 Zeichen zu unterbringen, muss man sich auf das Wesentliche konzentrieren und alles Unwichtige weglassen – optimal, um Besuchern erste Assoziationshilfen an die Hand zu geben, ohne mit langen Texten agieren zu müssen. Für eine Vertiefung bietet der HMKV kostenfreie öffentliche Führungen donnerstags um 18 Uhr und sonntags um 16 Uhr an. Der HMKV Twitter-Guide ist für Smartphones und Tablets (iOS und Android) konzipiert und via guide.hmkv.de downloadbar! Für Besucher ohne mobile Geräte liegen kostenfreie Leihgeräte an der Infotheke im HMKV bereit. Weitere Infos gibt’s hier!

Add a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *