Julia Jochem

Fünf Fragen an Julia Jochen, ZKM Karlsruhe

Julia Jochem studierte Medienwissenschaften an der Universität Siegen und dem Mary Immaculate College, Irland. Nach diversen Praktika beim Belltable Arts Centre, Irland und bei Kienbaum Communications absolvierte sie ein wissenschaftliches Volontariat im ZKM – Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe. Seit drei Jahren ist sie dort wissenschaftliche Mitarbeiterin und beschäftigt sich mit digitalen Trends, Medienkunst, Social Media und performativer Kultur. Eines ihrer Projekte ist AYOS – ArtOnYourScreen.

AYOS ist ein Projekt rund um die Produktion und Vermittlung von digitaler Kunst im Internet. Dabei handelt es sich keinesfalls um digitalisierte analoge Kunst, d.h. AYOS ist kein virtueller Rundgang durch eine Sammlung oder Ausstellung, sondern eigenständige Netzkunst. Kennengelernt habe ich Julia letztes Jahr bei dem einwöchigen Gründungsprojekt von “know time. Museum der Zeit”.

1. Liebe Julia, Du verantwortest im ZKM wegweisende Projekte im digitalen Bereich. Glaubst Du, dass ein Kulturinstitut heute ohne digitale Strategien auskommen kann?
Julia Jochem: Nein, das glaube ich nicht. Ich kenne natürlich nicht alle Museen und es mag kleine Nischenmuseen geben, die gerade das als Alleinstellungsmerkmal nehmen, dass sie nicht online sind. In dem Fall ist es eine bewusste Entscheidung. Aber generell glaube ich nicht, dass Online Kommunikation verzichtbar ist, weil es bei Kommunikation insbesondere darum geht, Menschen zu erreichen, die nicht vor Ort sind und das kann man heute besonders effizient über digitale Kanäle machen.

Der wesentliche Punkt ist allerdings der Begriff „Strategie“. Man sollte sich vorab genau überlegen welche Zielgruppe man auf welchem Weg erreichen kann und ob es ausreichend Ressourcen gibt die Plattformen regelmäßig zu bespielen und auf Fragen, Anregungen und Kritik zeitnah zu reagieren.

Was ist Deiner Meinung nach ein absolutes Muss und was kann man vor dem Hintergrund knapper Personal- und Budgetressourcen weglassen?
Julia Jochem: Viele Kulturinstitute haben einen Blog und da sieht man sehr schnell, wie gut dieser gepflegt ist. Wenn man keine Kapazitäten hat, sollte man eher auf einen Blog verzichten, denn ein nicht aktueller und schlecht gepflegter Blog ist eher kontraproduktiv: Man kreiert eine Erwartungshaltung beim User und erfüllt sie nicht.

Was meiner Meinung nach unbedingt sein muss, ist Facebook. Denn es hat eine solche Reichweite und es sind so viele Zielgruppen dort vertreten, dass man als Kulturinstitut aktuelle Informationen sehr gut dort platzieren kann. Außerdem kann man hier multimedial agieren und vor allem visuell durch gute Bewegtbildinhalte und Bilder überzeugen.

2. An welchem Ort hattest Du Dein bislang schönstes Kulturerlebnis, das Dich nachhaltig geprägt hat, und warum?
Julia Jochem: Die interessantesten Kulturerlebnisse – in Mehrzahl – hatte ich in Berlin und Hamburg. In Berlin war 2011 ich in der Ausstellung „Cloud Cities“ von dem mir bis dato noch unbekannten Künstler Tomás Saraceno. Der argentinische Künstler hatte im Hamburger Bahnhof eine utopische Architektur aus durchsichtigen riesigen Ballons geschaffen die über Netzartige Schnüre verbunden waren – eine wesentliche Inspirationsquelle Saracenos sind Spinnen(netze). Teilweise waren diese Ballons hoch im Raum verankert und begehbar. Obwohl ich unter extremer Höhenangst leide bin ich in eine hineingeklettert und habe den Ausstellungsraum von oben erlaufen und erleben können.  Extrem interessant wenn auch mit Panik verbunden.

Darüber hinaus habe ich in Hamburg ein Format besucht, das „Dialog im Dunkeln“ heißt. Das ist eine Führung durchgeführt von Blinden, die in diversen Räumen, unter anderem auch auf einem Schiff, und komplett in Dunkelheit stattfindet. Alles findet im Kopf und über das, was man spürt, eben über die Haut, statt. Es war sehr intensiv und emotional: Man hat keine Ahnung, wie groß die Räume sind, ob sie oberhalb oder unterhalb der Erde stehen. Man ist komplett desorientiert. Das habe ich als sehr eindrucksvoll in Erinnerung behalten.

3. Kulturbetriebe stehen unter großem Druck: Sie werden nach Besucherzahlen gemessen, die öffentlichen Gelder werden immer mehr gestrichen und gleichzeitig sollen sie ihre alten Strukturen über Bord werfen und wettbewerbsfähig sein. Was ist Deiner Meinung nach der entscheidende Faktor für Kulturinstitute, um in den nächsten 50 Jahren zu bestehen?
Julia Jochem: Ein entscheidendes Kriterium sind tatsächlich Kooperationen.

Ich glaube, dass es für den Erfolg von Kulturinstitutionen Öffnungsprozesse braucht von denen alle Parteien profitieren können. Sie sollten sich nicht als Konkurrenz sehen, sondern eine Kooperation als Synergieeffekt begreifen: Denn schließlich sitzen alle im gleichen Boot. Auf diesen Austausch von Wissen und Kompetenz sollten Kulturinstitute unbedingt in Zukunft setzen.

4. Für welches Kunstwerk oder Kulturerlebnis würdest Du viel Geld ausgeben?
Julia Jochem: Einer meiner absoluten Lieblingskünstler ist wie bereits erwähnt Tomás Saraceno und ich würde sehr viel Geld ausgeben, wenn ich mit ihm gemeinsam durchschreiten und ihm dabei Löcher in den Bauch fragen  könnte. Das Spannende an ihm ist, dass bei seiner Kunst so Vieles zusammenkommt: Hier trifft Spinnenforschung auf Architektur und Zukunftsvision. Außerdem überwältigen mich die immensen Dimensionen seiner Kunst. Und was ich sehr an seinem Ansatz schätze: Seine Austellung können mit allen Sinnen erfahren werden. Der Besucher ist ganz wesentlicher Teil: erst durch seinen Mut, seine Bewegung werden die Kunstwerke greifbar.

5. Wenn Du einen Wunsch frei hättest, was würdest Du am Kultursystem verändern?
Julia Jochem: Ein einziger Wunsch – das ist schwierig… Wenn ich Prioritäten setzen müsste, würde ich tatsächlich zunächst Chaos beseitigen und eine Plattform für Wissensaustausch schaffen. Im Kulturbetrieb treffen so viele interessante und vielfältige Biografien aufeinander. Man bekommt Input durch Symposium, durch Künstlergespräche oder Ausstellunge. Da wäre es doch toll etwa monatlich einen Stammtisch zu haben im Rahmen dessen dieses Wissen für alle Mitarbeiter aufbereitet und weitergegeben wird.

Vielen Dank, Julia!

 

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