Kultur und Integration

Mut (und) machen

Die Flüchtlingskrise ist eine der größten humanitären Katastrophen: Tausende flüchtende Menschen kommen tagtäglich in Deutschland an. Was bedeutet das? Für die Flüchtlinge, für uns, für die Kultur? Welche Rolle spielen Museen, Opern und Theater bei der Integration von Flüchtlingen? Diese und viele weitere Fragen stellte Axel Kopp in seinem Aufruf zur Blogparade #KulturImWandel.

Es fiel es mir nicht leicht, diesen Post zu schreiben, denn um ehrlich zu sein, wusste ich nicht genau, worüber ich schreiben sollte. Nun hat Axel Kopp mit seinem Aufruf, die Kultur im Wandel zu reflektieren, ein wichtiges Thema losgetreten, und versprochen ist versprochen. Und dann hörte ich am Samstag auf der von Scholz und Volkmer organisierten see-Conference in Wiesbaden, die dieses Jahr grundlegende Fragen wie Nachhaltigkeit, Datensicherheit und die Flüchtlingskrise diskutierte, einen Vortrag vom Zentrum für Politische Schönheit, der mich zu diesem Beitrag inspirierte – quasi wie vom Himmel gefallen. Doch dazu gleich mehr.

Wieso fiel es mir so schwer, etwas zu dem Thema zu schreiben? Klar, ich habe im Rahmen meiner Tätigkeit für Museen diverse Projekte zum Thema Integration erlebt und mitbetreut und erinnere mich noch gut an lange Gesprächsrunden über diverse Aspekte: „Sind zwei Stunden für eine Führung zu lang, oder doch besser 90 Minuten? In welcher Sprache bieten wir die Führungen an? Farsi/ Dari? Oder reicht Englisch? Vielleicht wären auch Märchenstunden für die Kinder denkbar, die einen Teil ihrer eigenen Kultur aufgreifen? Was ist mit freiem Eintritt? Für die Begleiter auch? Wie wäre es mit gemeinsamen Koch-Aktionen? Aber ist das unsere Kernkompetenz? Dann doch lieber Rundgänge?“

Fragen über Fragen, die alle die allgemeine Verunsicherung und die Befangenheit innerhalb der Kultur widerspiegeln. Auch meine.

Und genau an dieser Stelle setzt der Vortrag des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS) an: Cesy Leonard vom ZPS berichtete über die Notwendigkeit, Flüchtlinge zu unterstützen und über unterschiedliche Wege, dies zu tun. Unter anderem stellte sie das Projekt „Kindertransporthilfe des Bundes“: Angelehnt an die Rettungsaktion von 1938, bei der 10.000 jüdische Kinder nach Großbritannien gebracht und vor der Deportation in Vernichtungslager gerettet wurden, lancierte die Familienministerin Manuela Schwesig vor zwei Jahren eine groß angelegte Kampagne, mit der sie deutsche Paten für 55.000 syrische Kinder suchte. Im TV-Spot berichten Nicole und Matthias Klatt, eine Berliner Pflegefamilie sehr emotional von dem erhebenden Gefühl, einem syrischen Kind helfen zu können. Die Pressesprecherin des Familienministeriums macht eindringlich klar, wie wichtig die Hilfsbereitschaft der Zivilgesellschaft ist und fordert Paare auf, an der Initiative teilzunehmen und syrischen Kindern vorübergehend ein sicheres Zuhause zu geben. Schwesig wurde in Syrien für ihr Engagement euphorisch gefeiert und die Initiative zog weite Kreise: Innerhalb von zwei Tagen meldeten sich mehr als 800 interessierte Bürger bei der Telefonhotline, die bereit waren, ein syrisches Kind bei sich aufzunehmen.

Eine tolle Initiative der Bundesregierung mit einem kleinen Haken: Die ganze Aktion war ein „Fake“ – professionell inszeniert vom Zentrum für politische Schönheit. Kaum zu glauben, wenn man sich den Werbespot anschaut.

Kindertransporthilfe des Bundes

Doch was ist das Zentrum für Politische Schönheit und was macht es genau? Das ZPS bezeichnet sich selbst als „Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit.“ Dabei setzt das ZPS laut eigener Aussage auf „Menschlichkeit als Waffe“ und zählt sich zu den „innovativsten Inkubatoren politischer Aktionskunst“. Es steht für eine „erweiterte Form von Theater: Kunst muss weh tun, reizen und Widerstand leisten.“

Mit der „Kindertransporthilfe des Bundes“ lenkte das Zentrum für Politische Schönheit nicht nur die Aufmerksamkeit auf ein brisantes Thema, es präsentierte auch eine machbare Lösung.

Und was hat das nun mit dem Thema der Blogparade zu tun? Lange Rede, kurzer Sinn: So wie das Zentrum für politische Schönheit agiert, mit Kreativität, Mut und Initiative, das taugt durchaus zum Vorbild: Mit Mut und Kreativität gegen all die Unsicherheiten angehen und einfach mal machen – wäre das nicht eine Option? Es ist völlig klar, dass man sich einer neuen Situation, die der Flüchtlingszustrom mit sich bringt, zunächst mit viel Fingerspitzengefühl und Sensibilität annähert. Bloß nichts falsch machen, und wir können uns auch nicht vorstellen, wie sich die Menschen fühlen, was sie durchgemacht haben.

Das ist klar, und das ist auch nicht die Aufgabe der Kultur, sich in die Menschen hineinzuversetzen. Aber es ist die Aufgabe der Kultur, gemäß ihres Wesens und ihrer ureigenen Bestimmung Wege zu finden, wie wir den geflüchteten Menschen, die schlimmste Dinge erlebt haben, einen Zugang zu unserer Welt öffnen.

Die Angebote der Kulturinstitute – Führungen, Workshops, Rundgänge, Sprachkurse, Einführungen in die deutsche Kultur, etc. – sind vielfältig, ausgewogen, kurz gesagt mustergültig. Mut und Kreativität können helfen, Unsicherheiten zu beseitigen und Bedenken und Ängste in positive Energie zu verwandeln. Dabei können Aktionen wie die des ZPS als Vorbild fungieren, ganz nach dem Motto „Mut zeigen und einfach mal machen!“
Denn: Ja, ich bin der Meinung, dass Museen, Theater, Opern & Co. eine elementare Rolle bei der Integration spielen.

Als Bewahrer von Geschichte, Kultur und Tradition, als Vermittler von Inhalten, als Orte des Austausches und der Inspiration und als Inkubatoren von Kreativität und Ideen sind Kulturinstitute genau die richtigen Orte für Menschen, um anzukommen, Fragen zu stellen und gemeinsam die neue Heimat zu erkunden – Orte, um Mut zu machen!

 

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