ZKM SYMPOSIUM #Kultur40 | PART 2

 

 

 

Im zweiten Teil des Berichts zum Symposium #Kultur40 – now Loading? Im ZKM Karlsruhe stelle ich euch die Keynote von Nadia Zaboura vor: Es geht um Kommunikation, digitale Kulturvermittlung, Influencer Relations, Social Curating & Remix Culture.

#kultur40 Teil 2: DIGITALES – KULTUR – POLITIK. Neue Wege in der Kulturvermittlung

Im Rahmen der zweiten Keynote von Kommunikationswissenschaftlerin und Politikberaterin Nadia Zaboura mit dem Titel „DIGITALES – KULTUR – POLITIK. Neue Wege in der Kulturvermittlung.“ erfahren wir wie sich Digitalisierung auf Kulturproduktion und –vermittlung auswirkt und bekommen erfolgreiche Best Practices zu sehen. Nadia arbeitet institutionell ungebunden und berät unter anderem das Clustermanagement CREATIVE.NRW, ist Juryvorsitzende des Grimme Online Award und Jurorin des Deutschen Radiopreises. Ein Satz zu CREATIVE NRW: Das vornehmliche Ziel von CREATIVE.NRW besteht darin, die Kultur- und Kreativwirtschaft als wichtigen Wirtschaftsmotor in NRW nachhaltig zu stärken und wettbewerbsfähig zu machen. China und die Vereinigten Arabischen Emirate haben die Bedeutung der Kreativwirtschaft längst begriffen und betrachten die Kultur als einen der wichtigsten Katalysatoren für das Wachstum der Industrie über die Anziehungskraft auf Investoren, die Stärkung des Standortes über Tourismus und schließlich die Entwicklung der Bevölkerung über den Bildungsfaktor. Meinen Bericht über den Museumsboom in China und Abu Dhabi könnt ihr hier nachlesen.

Nadia beginnt mit einem kurzen Marsch durch die Geschichte der Kommunikation und der Medien. Menschen sind soziale Wesen bedingt durch ihre Entwicklung, und das bringt automatisch mit sich, dass sie ständig – oft auch unbewusst – miteinander kommunizieren. Kommunikation als Austausch von Information war schon immer grundlegend für eine Gesellschaft, denn sie „erleuchtete“ den Menschen und brachte ihm einen Erkenntniszugewinn. Zudem festigt Kommunikation menschliche Zwischenbeziehungen und ist somit für die Existenz des Menschen als soziales Wesen unabdingbar.

Menschen können NICHT NICHT kommunizieren

Übrigens: Der österreichisch-amerikanische Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick stellte in den 1960er Jahren die These der „Unmöglichkeit, nicht zu kommunizieren“ auf. Da Kommunikation nicht nur Worte umfasst, sondern auch nonverbale Aspekte wie Tonfall, Sprechtempo, Mimik oder Körpersprache, kann Kommunikation mit Verhalten gleichgesetzt werden. Und da es keinen Mensch gibt, der sich nicht verhält, folgert Watzlawick daraus, dass Menschen nicht nicht kommunizieren können.

Bei Michael Argyle und Peter Trower fand ich ein gutes Bild für das Geflecht, das sich aus der Nicht-Nicht-Kommunikationsfähigkeit der Menschen ergibt:

Die menschliche Gesellschaft ist ein Netz von Beziehungen, daß Menschen miteinander verbindet. Vergleichen wir es mit einem Fischnetz, sind die Knoten die Menschen, und der Faden steht für die Beziehungen zwischen ihnen. Aber was ist der Faden im Leben der Menschen? Unsere Antwort – die Kommunikation.“ (Argyle, Michael / Trower, Peter: Signale von Mensch zu Mensch. Die Wege der Verständigung. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 1981)

Kommunikation ist alles. Alles ist Kommunikation.

Nadia bringt es auf den Punkt: Kommunikation ist alles. Alles ist Kommunikation. Allerdings haben sich über die Jahrhunderte die Transportkanäle von Kommunikation und Information verändert und das ganz besonders radikal in den letzten 20 Jahren mit dem Aufkommen des Internets. Wie so häufig bei technischen Innovationen, glaubten die Menschen seinerzeit nicht an den Erfolg diverser Kommunikationsmedien (manchmal könnte man denken, dass es noch heute der Fall ist im Hinblick auf digitale Medien). Doch egal, ob Telefon, Radio, TV oder PC – alle Zweifler wurden eines Besseren belehrt. Genauso ist es auch im Fall von Onlinekommunikation und ihrem Einfluss auf Kunst und Kultur. Auch das hat viele Zweifler auf den Plan gerufen und – ich denke, es ist legitim zu sagen: Auch sie werden das Nachsehen haben. Denn wir reden hier nicht über Zukunftsperspektiven, sondern über das Hier und Heute. Der notwendige Erfolg wurde schon längst bescheinigt: Von 7,2 Milliarden Menschen sind mehr als 3 Milliarden online. Zahlreiche neue Wirtschaftszweige sind durch die Digitalisierung entstanden, die Kommunikation und die Mediennutzung haben sich grundlegend verändert.

Dennoch gibt es viele Stimmen, die Bedenken äußern: Immer wieder wird diskutiert, ob der Online-Besucher einen “echten” Besucher ersetzen kann, ob die Rolle des autorisierten Sprechers nicht angesichts der neuen Rolle des Prosumenten konterkariert wird und ob die Aura des Originals durch Plattformen wie Google Art Project nicht verkümmert.

Es gibt viele Postivbeispiele für Onlinekommunikation von Kulturinstituten, die diese Ängste aushebeln:

museumsplattform nrw – ein virtuelles Museum, das User zu social curators macht

Eines davon ist die museumsplattform nrw, die 2006 initiiert wurde und Fachleuten sowie Laien einen freien Zugang zu moderner Kunst bietet. Auf einer online Plattform versammeln 26 Museen aus NRW, darunter das imai und die Kunstsammlung NRW aus Düsseldorf sowie das Museum Folkwang aus Essen, mittlerweile 620 Werke mitsamt Werkinformationen, Künstlerbiografien, Fachbeiträgen. Das Schöne an dem Projekt ist, dass mit der Konzentration der Werke an einem zentralen digitalen Ort dem User ein museumsübergreifendes Kunsterlebnis ermöglicht wird: Die Werkanordnung folgt keinen festgelegten Ordnungskriterien und ist gemäß der Sammlungen der teilnehmenden Häuser sortiert, sondern individuell einstellbar. Damit verschmelzen die zahlreichen Werke zu einer großen Sammlung. Je nach Suchkriterium (Künstler, Ort, Thema) ergeben sich neue Werkkonstellationen und damit neue Perspektiven auf die Kunst der Moderne. Hierbei sind User jedoch nicht nur Konsumenten von Kunst und Information, sie können in diesem virtuellen Museum auf der optisch an Pinterest angelehnten Oberfläche selbst aktiv werden, indem sie Kunstwerke entdecken, ihr Wissen vertiefen und eigene Sammlungen anlegen und damit individuell kuratierte Inhalte schaffen. Lieblingswerke können zudem auf sozialen Plattformen geteilt werden. Um eine Anbindung an die „analogen“ Museen zu schaffen, werden die online Besucher über entsprechende Verweise und Informationen zu Anreise, Öffnungszeiten und Historie auf diese Möglichkeit hingewiesen. Aufgrund ihrer Relevanz für die Heranführung von Menschen an Kunst der Moderne erhielt die Plattform 2013 den Grimme Online Award.

Bundeszentrale für politische Bildung: YouTuber gegen Nazis

Hey Mr. Nazi (feat. TC)

Eine großartige Initiative gegen Rechtsextremismus hat die Bundeszentrale für politische Bildung 2013 lanciert: Unter dem Motto „YouTuber gegen Nazis“ wurden YouTube-Stars aufgerufen, das Video von Blumio zu adaptieren und im Sinne von Remixing zu einem neuen individuellen Werk für mehr Toleranz umzusetzen. Entstanden sind dabei viele spannende Versionen von YouTubern wie z. B. DieAussenseiter, AlexiBexi, Digges Ding, MaximNoise und TC von Y-Titty, die jede Menge Aufmerksamkeit im Netz hervorgerufen haben. Nicht nur die Remix-Versionen wurden häufig angeschaut, kommentiert und geteilt, das Originalvideo verzeichnete 13 Millionen Klicks. An dem Beispiel kann man sehr gut sehen, dass Meinungsführer wunderbar die Reichweite einer Botschaft vergrößern können.

Metropolitan Museum of Art & Instagram

Nachdem ich 2009 auf einer Museumskonferenz von der Kampagne des Metropolitan Museum of Art “It’s time we met” hörte, war ich sehr beeindruckt von dem Mut und der Offenheit dieses Museums, sich auf soziale Medien einzulassen.

Im Rahmen von “It’s time we met” wurden Museumsbesucher dazu aufgefordert, sich mit den Werken zu fotografieren – etwas, das üblicherweise in deutschen Museen für Schnappatmung sorgt – und diese Fotos in sozialen Medien zu teilen.

Eines der Fotos wurde dann sogar als Keyvisual für die Werbekampagne des Met gewählt und großräumig in ganz New York plakatiert. Da ist es nicht verwunderlich, dass das Museum seine Rolle in den sozialen Netzwerken weiter ausbaut, wie eben jetzt auf der Foto- und Video-Sharing-App Instagram. Das Metropolitan Museum of Art konnte bisher mehr als 295.000 Follower auf seinem Instagram-Account versammeln und gewann 2014 den renommierten Webby Award, der von der International Academy of Digital Arts and Sciences vergeben wird und außergewöhnliche Leistungen im Web prämiert. Das Met stellt Bilder aus den Sammlungen, Ausstellungen, von Veranstaltungen ebenso wie behind-the-scenes-Fotos auf den Account, um auf diese Weise anfassbarer für den wachsenden Anteil der Social Media User zu werden. Es wird keine Teilung mehr zwischen dem online und offline Besucher gemacht. Sree Sreenivasan, Chief Digital Officer des Metropolitan Museum of Art sagt dazu:

“Our Webby win is just the latest sign that our various web and social efforts are helping to bring even more attention to our collection and our exhibitions. Our social team has done a fabulous job of showcasing the treasures of the Met on various platforms, and it is part of the broader digital strategy to connect with our visitors, both online and in person.”

Herausforderungen der Netzkultur: Evaluation, Archivierung, Netzneutralität & TTIP

Es gibt also jede Menge vorbildhafte Projekte und Initiativen. Dennoch bringt die Digitalisierung der Kultur viele Herausforderungen für Kulturvermittlung und Politik mit sich. Wie können wir beispielsweise Ziele definieren und Erfolge messen? Eine rein auf Klicks und Likes basierende Erfolgsmessung scheint zu eindimensional. Aber welche Alternativen sind sinnvoll und auch umsetzbar? Eine andere Frage: Bringt die fortschreitende Digitalisierung Kulturinstitute an ihre Grenzen hinsichtlich der Archivierung und Dokumentation von digitaler Kunst? Weiterhin besteht die dringende Notwendigkeit eines Knowhow-Transfers, für den Nachwuchsstellen eingerichtet werden und ein nachhaltiger Austausch erfolgen sollten. Auch viele rechtliche Fragen sind aktuell noch weitgehend ungeklärt: Wie gehen wir mit dem Thema Copyright, insbesondere im Bereich des Remixing – einer Methode, die bestehende Werke oder Werkteile in neue Kontexte setzt und damit neue Werke schafft – um? Wie geht die Debatte um Netzneutralität aus? Wird es eine Zweiklassen-Gesellschaft im Internet geben? Wie entwickeln sich die Verhandlungen um das heftig kritisierte Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) zwischen Europa und den USA, das Ängste um den Wegfall von Handelshemmnissen wie Datenschutz oder Kultursubventionen schürt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters äußert die Gefahren des TTIP deutlich:

„Wenn Kunst gefallen muss, um am Markt zu bestehen, ist ihr kritisches Potenzial dahin. Dass sie nicht gefallen muss, dafür wendet der Staat jedes Jahr zwei Prozent seines Haushalts auf.“

Fragen über Fragen, viele Menschen müssen überzeugt werden und noch mehr müssen Überzeugungsarbeit leisten. Dennoch: Veranstaltungen wie Kultur 4.0 und Veranstalter wie das ZKM bringen die offenen Punkte kritisch in eine Diskussion und das ist ein Schritt in die richtige Richtung!

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