Kunstvermittlung 2.0 | Teil 2/3

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Social Media, Besucherforschung, Multimedial & Mobile Web.

Vortrag | Karin Janner:
Neue Medien in der Kunstvermittlung:
Tools, Erfolgsfaktoren und Trends.

Im zweiten Vortag an diesem Tag widmete sich Kulturmanagerin, Bloggerin und Buchautorin Karin Janner den neuen Medien in der Kunstvermittlung und stellte Tools, Erfolgsfaktoren und Trends vor. Zunächst gab sie eine Einführung in das Thema „Social Web“, beschrieb die Einsatzgebiete von Social Media wie z. B. Marketing, Besucherbindung, Wissensvermittlung oder Fundraising, die oftmals schwer voneinander trennbar sind und präsentierte die Charakteristiken der Kommunikation im sozialen Netz. Entscheidend für die Kommunikation ist laut Karin Janner die Community, die man sich zunächst aufbauen muss. Denn erst die Community sorge dafür, dass sich Botschaften auch verbreiten. Die wichtigste Voraussetzung dafür sei natürlich, dass die Botschaften einen Mehrwert und eine Relevanz für die Community bieten.

1. Die wichtigsten Erfolgsfaktoren bei der Kunstvermittlung 2.0: relevante Inhalte UND ein gutes Netzwerk.
Weiterhin beschrieb Karin Janner die Regeln für die Kommunikation im Social Web, wie z. B. die Wichtigkeit von Transparenz und Geschwindigkeit, da es sich um Kommunikation in Echtzeit handele. Anschließend skizzierte sie die Prozesse der Informationsbeschaffung in sozialen Netzwerken aus der Perspektive des Suchenden und des Anbietenden und die Herausforderungen mit der Informationsflut umzugehen. Folglich seien gute Inhalte nicht allein entscheidend, um erfolgreich wahrgenommen zu werden: Vielmehr sei es eine Kombination aus guten Inhalten und dem eigenen Netzwerk. Es folgte ein Überblick über die Do’s and Don’ts und die Grenzen von Social Media: Wichtig sei, dass man sich über seine Ziele und Zielgruppen im Klaren sei, denn Social Media sei nicht das Allheilmittel für alles. Es gäbe einfach auch Zielgruppen, die keinesfalls via Social Media erreicht werden können.

Do’s and dont’s / Quelle: David Steel

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2. Nicht vergessen: Analyse-Tools einsetzen!
In der Folge bekamen wir eine Übersicht der Social Media Tools wie Blogs, Podcasts, Social Networks, Foto- und Videoplattformen, Microblogs, Social Bookmarking Dienste, Location Based Services, Wikis und Empfehlungsplattformen. Etwas, was Kulturinstitute häufig außer Acht ließen, seien Analyse-Tools, auf die Karin Janner ebenfalls einging. Es nütze nicht, innovative Aktionen im Sozialen Netz zu lancieren, wenn man sie nicht analysieren, auswerten und ggfs. optimieren könne. Das gängigste Tool für die eigene Website sei das kostenfreie Google Analytics. Facebook bietet mit Facebook Insights ebenfalls ein eigenes System an. Wenn man mehrere Plattformen bediene, sei es aus Gründen der Effizienz sinnvoll, Instrumente für das Management der diversen Plattformen einzusetzen, wie z. B. “swettiQ”.

Weiterhin ging Karin Janner auf das derzeit größte soziale Netzwerk Facebook ein, erklärte die verschiedenen Darstellungsformen wie Personenprofile, offizielle Seiten und Gruppen, und gab dazu einige praktische Tipps. Blogs seien zwar etwas aufwendiger, seien aber auf der anderen Seite von Vorteil für das Google-Ranking, da sie bei guter Pflege fortwährend wachsen, was von Google mit einem guten Ranking honoriert würde. Twitter hingegen schaffe Aufmerksamkeit und könne gut als Initialzündung mit dem Verweis auf andere Kanäle genutzt werden. Abschließend erstellte Karin Janner einen Vergleich der einzelnen Plattformen mit ihren jeweiligen Einsatzfeldern: Blogs seien gut geeignet für längere Artikel und ausführliche Kommentare und sorgten für eine lange Aufmerksamkeitsdauer. Dagegen sei Twitter eher der Kanal mit einer kurzen Aufmerksamkeitsdauer, der einem schnellen Austausch und der Bekanntmachung von Themen diene. Facebook habe den Vorteil, dass man Bilder und Videos einfügen könne und verfüge über etwas mehr Platz für Texte im Vergleich zu Twitter. Der wichtigste Punkt im Hinblick auf Twitter sei sicherlich der stattfindende Austausch mit Freunden und Fans und die hohe Bereitschaft, Kommentare und Likes abzugeben, allerdings beschrieb Karin Janner die Aufmerksamkeitsdauer als kurz. Last but not least wären da die Portale Flickr und Youtube, die mit ihren Bilder- und Videofunktionen in Blogs und Facebook eingebunden werden sollten. Zusammenfassend empfahl Karin Janner Blogs als Ausgangspunkt bzw. zentrale Anlaufstelle für Kampagnen und Twitter sowie Facebook als Medien für die Verbreitung von Inhalten.

Vortrag | Dr. Patrick Glogner-Pilz
und Felix Kolb:
Möglichkeiten der Neuen Medien für die Besucherforschung und Evaluation.

Der nachfolgende Vortrag von Dr. Patrick Glogner-Pilz und Felix Kolb von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg beschäftigte sich mit den Möglichkeiten der Neuen Medien für die Besucherforschung und Evaluation von soziodemographischen, ökonomischen, ausstellungs-, motiv- und wirkungsbezogenen Fragestellungen. Dabei wurden die Vorteile der Neuen Medien wie z. B. die einfache Speicherung und die Vernetzungsmöglichkeit durch quartäre Medien erläutert. Ich habe dahingehend mal recherchiert und Folgendes gefunden: Das Haus der Geschichte in Baden-Württemberg setzt beispielsweise einen Audioguide mit W-LAN Ortung ein und kann auf diese Weise die Laufwege der Besucher analysieren und damit Optimierungspotenziale im Hinblick auf zukünftige Ausstellungsplanungen erkennen – eine zeitgemäße Form der besucherorientierten Sichtweise.

Anwendungsfelder für Neue Medien in der Besucherforschung böten sich beispielsweise auch in der Auswertung von Inhalten durch Data Mining (laut Wikipedia ist Data Mining „(…)die systematische Anwendung statistischer Methoden auf einen Datenbestand mit dem Ziel, neue Muster zu erkennen.“). Dabei würden die aus Portalen wie Twitter oder Facebook gespeicherten Daten in eine Statistiksoftware übertragen und nach bestimmten Stichworten (tags) analysiert. In der Besucherforschung würden Neue Medien in Form von computergestützten Befragungen, den sogenannten CASI-Interviews (computer assisted self interviews) eingesetzt.

Als Fazit legte der Vortrag  die Chancen und Risiken von Neuen Medien in der Besucherforschung dar: Dem geringen Erhebungs- und Auswertungsaufwand und dem Überdauern der Daten im Netz stehe der leichte Zugriff auf die Daten gegenüber.

Rückfragen aus dem Publikum richteten sich nach Nicht-Publikumsforschung: Wir erforschen immer wieder unsere vorhandenen Besucher, aber viel interessanter ist doch die Frage nach den Barrieren für die Nicht-Nutzer von Kulturangeboten. Ein Beispiel, das ich dazu gefunden habe, ist die Diplomarbeit von Andrea Tepest im Fachbereich Bibliothek und Information an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften mit dem Titel „Konzeption und Durchführung einer Nichtnutzer-Befragung als Marktforschungsinstrument der Hamburger öffentlichen Bücherhallen“.

Vortrag | Etta Grotrian
Erfolgsfaktor Benutzerfreundlichkeit:
Multimedialer Medieneinsatz im Museum.

Die Präsentation von Etta Grotrian, Projektmanagerin im Jüdischen Museum, Berlin, zeigte anhand vielfältiger Beispiele, wie das Jüdische Museum das Prinzip der Besucherfreundlichkeit mit Hilfe von multimedialen Tools durchgängig erlebbar macht. Dabei sieht das Haus die Vorteile von Neuen Medien in Tools, die Inhalte vertiefen, veranschaulichen und individuelle Zugangswege ermöglichen können. Das Rafael Roth Learning Center lädt Besucher dazu ein, die gezeigten Präsentationen mithilfe von inszenierten Dokumenten, Objekten, Film- und Tonaufnahmen sowie Computerspielen näher zu entdecken. Dabei steht das Jüdische Museum der Kritik, Multimedia würde der Kunst die Show stehlen gelassen gegenüber, indem es das Learning Center als multimedialen Knotenpunkt zwischen Dauer- und Sonderausstellung im Untergeschoss des Museumsgebäudes platziert hat.

Vorbildgebend für den Einsatz von Social Media und den Einfluss der digitalen Medien nannte Frau Grotrian die Tate, die voraussetzt, dass Kuratoren ebenso digital wie offline arbeiten:

“The future of the museum may be rooted in the buildings they occupy but it will address audiences across the world – a place where people across the world will have a conversation. Those institutions which take up this notion fastest and furthest will be the ones which have the authority in the future … the growing challenge is to … encourage curatorial teams to work in the online world as much as they do in the galleries.”

Sir Nicholas Serota, 2009, Direktor Tate

Weitere interessante Praxisbeispiele zur Kunstvermittlung 2.0 aus Etta Grotrians Vortrag hier im Überblick:

• Das Online-Projekt „Was wir nicht zeigen“
Involviert Mitarbeiter des Jüdischen Museums in Form von Videos und zeigt, was das Museum eben nicht zeigt: Das können politische Meinungen sein oder Aspekte des Sammelns oder auch ein Blick ins Depot.

• Die Ausstellung „Die ganze Wahrheit“ (2013)
Basierte auf Fragen, die in der Ausstellung beantwortet wurden. Dazu durften Besucher eigene Fragen stellen – dabei ist die beeindruckende Zahl von 50.000 zusammengekommen -, die im Museumsblog und in anderen Medien aufgegriffen und beantwortet wurden und auf diese Weise online verlängert wurden. Darüber hinaus platzierte das Museum unter dem Motto „Gibt es noch Juden in Deutschland?“ eine Glasvitrine in der Ausstellung, in der zu ausgewählten Zeiten jüdische Gäste anwesend waren und sich Fragen der Besucher stellten und in einen Dialog mit den Menschen treten konnten.

Das Online-Spiel im Rahmen der Ausstellung „Raub und Restitution“ (2009)
Die Ausstellung beleuchtete die Zusammenhänge des Raubzuges der Nationalsozialisten an den Kunstsammlungen von europäischen Juden. Am Ende der Ausstellung wurden die Besucher an Computerstationen aufgefordert, in einem sog. Entscheidungsspiel eine der 4 Rollen von der Kulturpolitikerin über den Kunstsammler bis hin zur Erbin des ursprünglichen Gemäldes zu übernehmen und eine Entscheidung im Hinblick auf ein fiktives Gemälde und sein Schicksal zu treffen. Eine tolle Idee, um Besucher in die Prozesse und unterschiedlichen Perspektiven des Ausstellungsthemas einzubeziehen.

Vortrag | Prof. Dr. Holger Simon
Mobile Web, Augmented Reality & Co. im Praxistest für die Kunstvermittlung

Nach dem Mittagessen – ganz standesgemäß in der Uni-Mensa – ging es straff getaktet weiter mit dem Themenfeld „Mobile Web“: Der Vortrag von Prof. Dr. Holger Simon behandelte den Bereich „Mobile Web, Augmented Reality & Co.“. Prof. Dr. Holger Simon ist Gründer der Pausanio GmbH & Co. KG, die mobile Anwendungen für Kunst und Kultur entwickelt. Zudem lehrt er an der Universität zu Köln im Bereich des Cultural Entrepreneurship. Neben zahlreichen Best Practice Beispielen zeigte Prof. Dr. Simon auf, dass Kunst und Kultur zwar analog seien, dennoch heute mehrheitlich digital kommuniziert würden. Daher sei es unabdingbar für Kulturinstitute, sich mit den unterschiedlichen Kanäle und Tools vertraut zu machen. Wichtig sei auch, so Prof. Dr. Simon, sich endlich von der Vorstellung zu lösen, dass Digitalisierung eine Konkurrenz für Kunst sei. Vielmehr dienten digitale Lösungen dazu, das Analoge zu stützen und stark zu machen. Dem kann ich nur zustimmen.

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