Kunstvermittlung 2.0 | Teil 3/3

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DIGITAL STORYTELLING, KULTURTOURISMUS & BARRIEREFREIHEIT

Vortrag | Sebastian Hartmann
Digital Storytelling: Mit der Kraft des Erzählens Besucher begeistern und binden.

Langsam machte sich die Nachmittagsmüdigkeit bemerkbar, aber der folgende Vortrag von Sebastian Hartmann, Social Media Manager bei elbkind GmbH Hamburg, zum Thema „Digital Storytelling“ vertrieb jeden Anflug von Ermattung. Sebastian ist ein ausgewiesener Kenner der Museumsszene und Betreiber des Blogs „Museumsheld“. Und ein alter Bekannter. Denn 2012 zählte er zu den El Greco Bildpaten im Museum Kunstpalast.

Sebastian startete mit den Elementen des digitalen Storytelling, die auf die alten Regeln der Geschichtenerzählung zurückgehen. Er erläuterte, dass die Geschichten natürlich für das Internet komprimiert und aufbereitet werden müssen, dennoch blieben die Grundstrukturen mit „Anfang – Höhepunkt – Ende“ bestehen, und zwar gewürzt mit Emotionen. Vor einem erfolgreichen Projekt, das auf Storytelling basiert, sollten unbedingt laut Sebastian Hartmann folgende Aspekte geklärt werden: Zielsetzung, Zielgruppen und das notwendige Existieren eines Netzwerks. Das potentielle Netzwerk sollte unbedingt aufgebaut werden BEVOR das Projekt losgeht. Die drei Elemente „Objekt/Geschichte/Inhalt“, „Zielgruppe/Zuhörer/Netzwerk“ und „Werkzeuge/Sprache/Kanäle“ sollten, so Hartmann, stimmig sein. Warum dann nicht von den erfolgreichen lernen und sich „Pixar’s 22 Rules of Storytelling“ näher anschauen? Pixar, das sind Animationsstudios in Kalifornien, die mit Trickfilmen wie Toy Story, Findet Nemo oder Ratatouille berühmt geworden sind. Eine der Autorinnen hat ihre Erkenntnisse aus dieser Zeit aufgeschrieben und nach und nach in Form von kurzen Regeln getwittert.

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Sebastian Hartmann zeigte uns eine Menge erfolgreicher Beispiele, wie z. B. das „Geschichten“-Magazin der Schirn „Schirn-Mag“, den Blog und Youtube-Channel des Neanderthal Museums, bei dem der Neanderthaler Storytelling betreibt sowie das Youtube-Video „Skating Dogs“ des Mercedes Benz Museum, wobei bei dem letzteren der Storytelling-Anteil in meinen Augen eher marginal war, aber überzeugt euch am besten selbst:

Skating Dogs visiting the Mercedes-Benz Museum

Weitere Beispiele waren das Currywurst Museum Berlin, bei dem eine Currywurst die Rolle des Erzählers übernimmt und twittert oder der Twitter-Account für das El Greco-Werk “Jacobus den Jüngeren”, den Sebastian im Rahmen der Bildpaten-Kampagne des Museum Kunstpalast zum Leben erweckt hat und der das Leben von El Greco mit ca. 300 Tweets nacherzählt hat. Auch spannend war das Beispiel des Wallraf-Richardz-Museum Köln, das das Prinzip des Storytelling auf den Ausstellungsschildern nutzt, um neben Standard-Informationen wie Entstehungsjahr und Technik auch weitere spannende Informationen auf fesselnde Art und Weise zu vermitteln.

Eine abschließende Empfehlung von Sebastian war, Twitter als Katalysator für Storytelling zu nutzen und alle Geschichten sowie Kanäle an EINEM digitalen Ort zu aggregieren, damit die Zielgruppe alles schnell und komfortabel findet, ein gutes Beispiel dafür ist der Newsroom im Museum Kunstpalast.

Vortrag | Dr. Michael Müller
Kunstvermittlung goes Tourismus: Beispiele und Möglichkeiten digitaler Anwendungen.

Dr. Michael Müller, Geschäftsführer der beiden Agenturen :beramus und Culture to Go, die Beratung und Projekte für Kulturinstitute anbieten, sprach über seine These, dass Kunstvermittlung und Kulturtourismus zusammengehören: Ein Beleg dafür seien Kultureinrichtungen, die sich immer mehr in den Stadtraum bewegten, wie z. B. das Deutsche Museum Bonn, das eine QR-Code Schnitzeljagd anlässlich der Ausstellung „Heinrich Hertz – vom Funkensprung zur Radiowelle“ in der Stadt veranstaltete und schließlich im Museum enden ließ. Projekte, die Kunst im öffentlichen Raum mittels des Einsatzes von QR-Codes vermitteln, gibt es in Deutschland einige, Frankfurt ist da nur ein Beispiel.
Ein weiteres Argument für die Kompatibilität von Kulturvermittlung und Kulturtourismus sei die Tatsache, dass Kunstinstitute Städtetouristen historisches Material via Augmented Reality zur Verfügung stellen können: Die App „Zeitfenster“, die bereits von Stuttgart und Nürtingen genutzt wird, ist ein innovatives Tool für die Vermittlung historischer Inhalte mit Hilfe von Augmented Reality.

Nicht zuletzt gelten sowohl für die Kulturvermittlung als auch für den Kulturtourismus laut Michael Müller partizipative Ansätze, die sich in Projekten wie „1001 stories of Denmark“ widerspiegeln, wenn Menschen dazu aufgefordert würden, „ihre” Geschichten über ein Land zu schreiben und auf einem Online-Portal der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

EIMG_1818rmattet, aber voller neuer Anregungen und Ideen ging es weiter nach Berlin, wo wir – der guten Empfehlung der Universität folgend – im Grimm’s Hotel in Berlin-Mitte eincheckten, das mit Themenräumen in Anlehnung an die alten Märchen der Gebrüder Grimm Kindheitsgefühle weckten. Ich war im Schneewittchen-Zimmer. Sehr zu empfehlen!
Abends trafen wir uns zu einem Empfang in der Berlinischen Galerie, die nur wenige Gehminuten vom Hotel entfernt war. Nach einer Begrüßung des scheidenden Verwaltungsdirektors Dr. Robert Knappe wurden wir in Gruppen durch die aktuell laufende Ausstellung „Wien Berlin. Kunst zweier Metropolen. Von Schiele bis Grosz“ geführt. Meine Gruppe wurde einem zugegebenermaßen sehr eloquenten  Guide, der über ein umfangreiches Fachwissen verfügte, zugeteilt. Jedoch – und das ist der Knackpunkt angesichts des Themas, mit dem wir uns den ganzen Tag beschäftigt hatten – handelte es sich dabei um eine Frontalführung, wie man sie schon häufig in Museen erlebt hat: Die Stationen wurden lehrbuchmäßig abgearbeitet und die Führung war mit unzähligen Fachinformationen gespickt war, bis uns die Köpfe rauchten und der man irgendwann einfach nicht mehr folgen konnte. Schade! Bald machten wir uns auf den Rückweg, um fit für den nächsten Tag zu sein.

Tag 2 | Willkommen in der Berlinischen Galerie.

Am zweiten Tag trafen wir uns erholt und voller Energie erneut in der Berlinischen Galerie, wo wir von Direktor Dr. Thomas Köhler begrüßt wurden.

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Vortrag | Diana Brinkmeyer
Museum ohne Grenzen – multimediale Anwendungen und Barrierefreiheit am Beispiel der Ausstellung “Wien – Berlin”

Im Anschluss sprach Diana Brinkmeyer, Referentin Marketing und Kommunikation in der Berlinischen Galerie über das Thema „Museum ohne Grenzen – Multimediale Anwendungen und Barrierefreiheit am Beispiel der Ausstellung „Wien – Berlin“ sprach. Frau Brinkmeyer stellte unter anderem den zweisprachigen Multimediaguide vor, der speziell für die Ausstellung konzipiert wurde und der den Besuchern nicht nur zahlreiche Zusatzinformationen in Form von Videos und Sounds bot, sondern auch auf die Bedürfnisse von sehbehinderten Besuchern zugeschnitten war und somit ein barrierefreies Ausstellungserlebnis ermöglichte. Neben dem Audioguide lancierte die Berlinische Galerie eine kostenfreie mobile Applikation für iPhone und Android, die praktische Tipps wie Restaurantempfehlungen sowie Tipps für Abendveranstaltungen beinhaltete sowie ein Ratespiel zur sogenannten „Griaslersprache“ – der Wiener Gaunersprache um 1900 – anbot. Die gesamte Ausstellung war darüber hinaus mit Hilfe von tastbaren Reliefs, Ausstellungsplänen in Groß- und Brailleschrift, Bodenleitlinien für blinde und seheingeschränkte Menschen erfahrbar.

Vortrag | Barbara Wolf
Kunstvermittlung 2.0 – ein Erfahrungsbericht aus dem Museum Kunstpalast

In meinem Vortrag beleuchtet ich nun die Social Media Kampagne „El Greco und die Moderne + DU“, die ich anlässlich der Ausstellung im Jahr 2012 realisierte. Mit einem spannenden Vergleich zur Fortsetzung der erfolgreichen Kampagne im Jahr 2013 anlässlich des Jubiläums der ständigen Sammlung Museum Kunstpalast, Düsseldorf. Nach einigen technischen Herausforderungen, die dank des wunderbaren Teams um Frau Prof. Hausmann gelöst wurden, präsentierte ich das Projekt, bei dem das Museum Kunstpalast 2012 im Rahmen der Ausstellung „El Greco und die Moderne“ erstmals Bildpaten für Werke des Altmeisters El Greco suchte. Diese 12 Bildpaten – einer davon war übrigens Sebastian Hartmann – wurden zu exklusiven Blicken hinter die Kulissen der Museumsarbeit eingeladen und berichteten im Social Web über diese Erlebnisse. Mit dem Ziel, so viele Fans wie möglich für das jeweilige Patenwerk zu begeistern. Der Wettbewerb mündete in dem Gewinn einer Reise auf den Spuren von El Greco. 2013 adaptierten wir das Projekt und involvierten Teams von Studierenden der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf als Bildpaten, um die ständige Sammlung im Social Web zu vermitteln. Beide Projekte waren sehr erfolgreich und trafen den Nerv der Zeit, aber dazu schreibe ich noch einen gesonderten Artikel, denn das würde ansonsten hier den Rahmen sprengen ;-)

Wokshops | Kunstvermittlung 2.0

Anschließend konnte man sich für einen von drei Workshops entscheiden, in dem drei der Redner des Vortages ihre Präsentationen praktisch vermittelten. Ich nahm an dem Workshop von Sebastian Hartmann mit dem Titel „Besucher binden –Storytelling erfolgreich einsetzen“ teil. Es entstand eine anregende Diskussion mit den Teilnehmern über verschiedenste Aspekte der Kunstvermittlung, über Zielgruppen und Herausforderungen der Vermittlungsarbeit.

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Dann war das Symposium auch schon fast zu Ende: In einer abschließenden Podiumsdiskussion mit den Leitern der Workshops wurden die Learnings zusammengefasst und dann stand noch die Berlinische Galerie zum Besuch offen.

Fazit

Das Symposium war perfekt organsiert, die Locations gut geeignet und die Redner sehr gut gewählt. Ein großes Kompliment an Frau Prof. Dr. Hausmann und ihr Team! Ebenso war die Veranstaltung zeitlich sehr straff terminiert: Die Redezeit zu überziehen, war praktisch unmöglich, da man von den netten Damen in der ersten Reihe mittels einer hochgehaltenen Karte freundlich aber bestimmt an den Faktor Zeit erinnert wurde ;-) Leider schaffte man es nicht immer, sich mit seinen Co-Teilnehmern auszutauschen, denn der Gong erinnerte in den Pausen immer wieder unbarmherzig daran, dass die Vorträge weitergingen. Ein wenig mehr Zeit zum Netzwerken und zum Austausch wäre perfekt gewesen! Ein Manko waren das fehlende WLAN und die nicht optimale Führung in der Berlinischen Galerie, die uns jedoch vor Augen geführt hat, dass Theorie und Praxis noch weit auseinander liegen und dass es jetzt an uns liegt, dies zu ändern.

Übrigens: Die Vorträge und Präsentationen des Symposiums werden in einem Sammelband zusammengefasst und publiziert, so dass sie für jedermann in ihrer Vollständigkeit nachzulesen sind!

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