Quadriennale Konferenz Düsseldorf | Teil 2

Quadriennale Konferenz „Vernetzung. Über das Morgen hinaus – Neue Chancen für den Ausstellungsbetrieb“ – Fortsetzung

Teil II

IMG_0205

Nach dem leckeren Mittagessen  (absolut empfehlenswert sind die unwiderstehlichen Leckereien in der Pasticceria im Erdgeschoss!) und anregenden Gesprächen ging es weiter mit dem Vortrag von Bianca Bocatius, die zu dem Thema „Social Media in der Kunstvermittlung“ geforscht hat. Im Rahmen ihrer Dissertation hat Bianca evaluiert, dass lediglich 26 Museen in Deutschland museale Vermittlung im Social Web betreiben. Und das bei einigen Hundert Kunstmuseen und mehr als 6.000 Museen insgesamt!

Ausstellungen im Brooklyn Museum entstehen durch kollaborative Partizipation

Ein Best Practice Beispiel, das Bianca vorstellte, war die Fotoausstellung „Click! A Crowd-Curated Exhibition“ des Brooklyn Museum. Diese Ausstellung entsteht durch die kollaborative Partizipation der User und besteht aus drei Phasen: Zunächst werden Künstler aufgefordert, Arbeiten zu einem bestimmten Thema in digitaler Form einzureichen. Danach werden die Einreichungen von einem Online Forum bewertet und gerankt und schließlich im Museum im Rahmen einer Ausstellung gezeigt. Dabei bestimmt sich die Größe des Werks nach dem Platz im Ranking und macht somit die Meinung der Community sichtbar. Das Prinzip, das diesem Ausstellungsformat zugrunde liegt, ist das kontrovers diskutierte Buch „The Wisdom of Crowds“ des Kolumnisten James Surowiecki. Dieser hat die Behauptung aufgestellt, dass eine Gruppe von Menschen mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Backgrounds oftmals eine bessere Entscheidung trifft als EIN Experte.

Kann/Sollte Kunst überhaupt demokratisch sein?

Aus dem Publikum regte sich Kritik an dem Ausstellungsformat: Ob Kunst überhaupt demokratisch sein könne? Ob ein Vorgehen wie in der Ausstellung des Brooklyn Museum nicht ein Verbrechen an der Kunst sei? Darauf entgegnete Bianca, dass das Projekt vollkommen transparent verlaufen sei und alle Künstler gewusst hätten, worauf sie sich einließen. Interessante Frage, die zwangsläufig die Gegenfrage aufkommen lässt: Wenn man die Demokratisierung der Kunst anzweifelt, wie geht man dann damit um, dass ein einzelner Kurator für das gesamte Publikum bestimmt?

IMG_0210

Als Beispiel für co-kreative Partizipation führte Bianca Hackathons an – ein Wort, das man schon mal gehört hat, aber was genau bedeutet eigentlich dieser Begriff? Dieses Kunstwort setzt sich zusammen aus „Hacken“ und „Marathon“ und beschreibt Events, im Rahmen derer Programmierer und sonstige Onliner und Kreative zusammenkommen und gemeinsam Neues ausprobieren, um nützliche neue Software zu entwickeln. Als Ergebnis können beispielsweise Apps, Games oder digitale 3D-Modelle entstehen, die neue Perspektiven auf Kunstwerke und Sammlungen ermöglichen.

„Oft füllen Museen lediglich Web 1.0 Wein in Web 2.0 Schläuche.“

Interessanterweise hatte Bianca im Rahmen ihrer Arbeit mit der Herausforderung zu kämpfen, empirische Projekte im deutschen Raum zu finden, da deutsche Museen doch eher traditionelle Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Sie nannte in dem Zusammenhang mit dem Städel Museum und Museum Kunstpalast zwei Ausnahmen in der deutschen Museumslandschaft, was mich natürlich ganz besonders freut! Als möglichen Grund für den konservativen Umgang der deutschen Häuser mit Social Media führte sie den Kontrollverlust an. Es sei häufig der Fall, dass Museen Web 2.0 Aktivitäten nur halbherzig verfolgten: Oft füllen Museen lediglich Web 1.0 Wein in Web 2.0 Schläuche, was für eine nachhaltige Kommunikationsstrategie natürlich nicht ausreiche.

Weltkulturen Open Lab: Gemeinsam forschen, diskutieren, teilen und vermitteln.

IMG_0218

Der nachfolgende Vortrag von Stefanie Endter aus dem Weltkulturen Museum Frankfurt beschäftigte sich mit dem Projekt „Weltkulturen Open Lab“. Es handelt sich dabei um eine interaktive  Online-Plattform, die Forschungsergebnisse sichtbar macht und Sammlungsbestände nach den Maßgaben des 21. Jahrhunderts vermittelt. Das Weltkulturen Museum lädt Künstler, Wissenschaftler und Kreative ein,  die Exponate aus der Museumssammlung zu erforschen und diese Forschung online darzulegen. Auf diese Weise können Menschen in einen interdisziplinären Dialog treten und gemeinsam neue Wege verfolgen. Jeder ist eingeladen, mitzumachen!

OpenLab

Das Museum selbst beschreibt das spannende Projekt wie folgt:

„Mit dem Open Lab können die online gestellten Artefakte der Sammlung, über fachliche und geografische Grenzen hinaus, weltweit als Design-Prototypen dienen, die nicht nur die Geschichte von Kulturen aus aller Welt vermitteln, sondern auch bisher ungenutztes Potenzial für zukünftige Innovationen bieten. Das Open Lab ist mehr als nur eine Dokumentationsplattform zur Abbildung von Entwicklungsprozessen. Es ist vielmehr als eigenständiges interaktives Produktionswerkzeug für Kreative und Wissenschaftler zu sehen, mit dem Texte, Audiodateien, Filme, Fotografien und Ideen ausgetauscht und gemeinsam neue Projekte kreiert werden. Hier können z.B. ungeklärte Fragen zu der Herkunft, Funktion und Bedeutung einzelner Artefakte durch die Vernetzung internationaler Wissenschaftler aufgedeckt und auch einer breiten Öffentlichkeit vermittelt werden. Denn Community Features ermöglichen es, Prozesse live mitzuverfolgen, zu kommentieren und eigenen Fragestellungen in Gruppen nachzugehen.“

Ein innovatives Projekt, das möglicherweise seiner Zeit voraus ist: Laut Stefanie Endter stehe die Plattform vor der Herausforderung, User zur Partizipation zu bewegen.

Leuchtturm Schirn – hält es, was es verspricht?

Den Abschluss des Tages bildete für mich der Workshop über das Schirn Mag – das Online Magazin der Schirn Kunsthalle. Im Laufe der Konferenz wurden die Frankfurter Institute immer wieder als leuchtende Beispiele  für wegweisendes Kulturmarketing genannt, nun war ich also ganz besonders gespannt, Fabian Famulok, den Digital Content Manager aus dem Frankfurter Erfolgshaus zu hören.

Das Schirn Mag wurde 2010 als erstes Online Magazin in der deutschen Museumswelt mit der Zielsetzung ins Leben gerufen, Prozesse abzubilden, Blicke hinter die Kulissen zu ermöglichen und Besucher bereits vor dem Ausstellungsbesuch mit Informationen zu versorgen. Ganz im Gegenteil zu dem üblichen Ablauf, bei dem Besucher erst am Ende von langwierigen Planungen mit einem perfekten Hochglanzprodukt konfrontiert werden und nichts von der Vorbereitungsphase mitbekommen.

Das Magazin veröffentlicht zwei bis drei Artikel wöchentlich – darunter Berichte, Interviews mit Künstlern und Atelierbesuche -  und wer sich jetzt fragt, wie das personell zu bewerkstelligen ist, sollte wissen, dass das Magazin mit 15 festen Gastautoren verschiedener Backgrounds zusammenarbeitet. Das zeigt deutlich den Stellenwert dieses Projektes in der Schirn. Auf die übliche Budgetfrage einer Teilnehmerin, nahm Fabian erst einmal einen Schluck Wasser und grinste, verriet uns dann aber zumindest, dass ein Budget in Höhe von ca. 80-150 Euro pro Text zur Verfügung stehe. Wer es genau wissen will, kann also nachrechnen. Die Bildredaktion, das Lektorat ebenso wie die Endredaktion dagegen liegen in seiner Hand. Von einem Blog unterscheide sich das Schirn Mag laut Fabian darin, dass Chronologie nicht das oberste Ordnungsprinzip sei, sondern diverse Kategorien wie z. B. „Interviews“, „Kolumnen“ oder „Einblicke“, die die Navigation erleichtern und Inhalte ordnen.

Bei einem näheren Blick auf die Inhalte des Magazins zeigte Fabian uns mit thinglinks ein nützliches Tool für die Analyse von Werken: Es handelt sich dabei um kleine Punkte, die in Bilder integriert werden können und beim Mouseover zusätzliche Informationen einblenden. Dieses kostenfreie Feature unterstützt Bildinterpretationen, obwohl die ästhetischen Einschränkungen durch die weißen Punkte von einem der Zuhörer bemängelt wurden. Daraufhin betonte Fabian, dass  die Mission des Magazins weniger der Genuss von Kunst sei, sondern vielmehr deren intensive Vermittlung und der daraus folgende Wissenszugewinn.

Über den eigenen Tellerrand hinausschauen und sich mit anderen vernetzen!

Weiterhin erzählte Fabian, dass die Schirn eine Philosophie des offenen Umgangs mit Inhalten vertrete: Sie blicke gern auch mal über den eigenen Tellerrand hinaus und berichte über andere Institutionen, Ausstellungen, Künstler und aktuelle Trends. Dadurch werden andere und größere Zielgruppen angesprochen werden. Ein bemerkenswerter Ansatz, der dem Anspruch eines Online Magazins absolut gerecht wird! Wichtig sei allerdings bei dem Aufgreifen von institutsfremden Themen, eine Verbindung zu den eigenen Aktivitäten zu finden. Wenn man diese Verbindung allerdings erfolgreich schaffe, bieten Artikel über Ausstellungen und Projekte anderer Häuser eine gute Gelegenheit, sich mit diesen Instituten zu vernetzen. Bei Berichten über externe Themen sei auch zu beachten, dass ein Museum nicht den Status eines unabhängigen Journalisten einnehme, sondern in ihrem eigenen Namen schreibe und folglich keine offene Kritik äußern könne.

Online Magazine leben von guten Inhalten, daher bezieht die Schirn ihre Kuratoren stark in das Projekt ein, denn gerade Kuratoren sind häufig unterwegs und können wertvollen Content über ihre Reisen und Erlebnisse liefern. Darüber hinaus ermöglichen Interviews mit Aufsichtspersonal eine ganz besondere einmalige Innenperspektive. Ein weiterer wichtiger Punkt, den Fabian betonte: Die Inhalte seien immer self-made und individualisiert, um den Lesern einen echten Mehrwert zu bieten. Es werden keinesfalls vorhandene Pressemitteilungen für einen Artikel „verwurstet“.

Filme als wichtiges Marketing- und PR-Medium

In der Schirn haben Filme einen hohen Stellenwert und werden als wichtiges Kommunikationsmedium genutzt: Ausgewählte Teile der Ausstellungsteaser wie z. B. Interviews werden im Rahmen von Pressekonferenzen den Medienvertretern angeboten, die das Material mit Vorliebe annehmen und ausstrahlen. Da im Vorfeld der Pressekonferenzen die Ausstellungen erfahrungsgemäß noch nicht vollständig aufgebaut sind, müssen die Filme mit viel Fingerspitzengefühl gedreht werden, so dass am Ende des Tages der Eindruck einer fertigen Ausstellung entsteht. Alle Filme sind übrigens zweisprachig, um die internationale Positionierung des Hauses zu unterstützen und eine breitere Zielgruppe zu erreichen. Hier ein schönes Beispiel:

MAKING OF STREET-ART BRAZIL

MoMA und Tate als Zielsetzung

In Bezug auf ihre Aktivitäten orientiert sich die Schirn an der Tate London und dem MoMA, was ich großartig finde! Das sind in der Tat zwei der am innovativsten denkenden und handelnden Museen der Welt und allein die Tatsache, dass das Frankfurter Haus sich solche Ziele steckt, zeigt, mit welcher Ernsthaftigkeit sie aktuelle digitale Entwicklungen verfolgt. Die Schirn hat übrigens 34.000 Facebook-Fans, im Vergleich dazu liegt die Zahl des MoMA bei gigantischen 1,5 Millionen. So direkt nebeneinander gestellt, kann das deutsche Institut nicht mithalten. Allerdings relativiert sich das Ergebnis im deutschen Vergleich, wo sie unter den Spitzenreitern ist. Der Umgang mit Social Media sei in angelsächsischen und skandinavischen Ländern sowie in den Niederlanden allerdings laut Fabian auch anders: Die Nutzerzahlen in Social Networks entwickeln sich schneller und es gebe dort das Phänomen der Besucherexplosionen. In Deutschland dagegen sei die Entwicklung eher stetig und nachhaltig. Da der deutsche Markt in Punkto Social Media eher verhalten sei, spiele die Schirn mit dem Gedanken, den Markt auszuweiten und zweisprachig zu agieren.

Als nächstes erzählte Fabian von einem kürzlich stattgefundenen Bloggertreffen, das einen Austausch zwischen Bloggern und der Marketingabteilung ermöglicht habe. Dieser Austausch sei laut Fabian wichtig, um Trends zu erkennen und nutzerorientiert zu arbeiten. Zur letzten Ausstellung „Esprit Montmartre“ ist die Schirn übrigens eine Kooperation mit neuen Bloggern eingegangen, die sich fünf Wochen lang einem bestimmten Aspekt des Lebens in Montmartre widmeten und Geschichten aus ihrer persönlichen Perspektive erzählten.

„Wenn der Chef dahinter steht, folgen die anderen auch – ob sie wollen oder nicht.“

Kommen wir mal zu den „technischen“ Details: Für das Schirn Mag wird einmal wöchentlich eine interne Redaktionssitzung anberaumt, bei der je nach aktueller Situation unterschiedliche Abteilungen anwesend sind. Die Kuratoren als wichtige Quelle von Inhalten seien übrigens nicht von Anfang an Feuer und Flamme für das Projekt gewesen und es habe eine ganze Weile gedauert, bis es jeder das Magazin automatisch auf dem Schirm hatte. Dabei sei die klare Haltung von Direktor Max Hollein eine große Hilfe gewesen, sagte Fabian, denn „wenn der Chef dahinter steht, folgen die anderen auch – ob sie wollen oder nicht.“

IMG_0227

Dann zeigte uns Fabian, wie das Schirn Mag vermarktet wird: Neben Anzeigen in ausgewählten Printpublikationen wie z. B. der Frieze, werden auch Banner auf frieze.de geschaltet. Im Foyer ist ein ganzer Bereich im prägnanten Magazin-Style gestaltet worden und fordert die Besucher auf, über einen überdimensionalen QR-Code auf die mobile Magazin-Seite zu gehen. Darüber hinaus lädt ein Terminal im Foyer dazu ein, direkt in das Magazin reinzublättern. Entsprechende Hinweise in Printmedien wie dem Jahresprogramm oder auf den Eintrittstickets weisen immer wieder auf das Magazin hin. Oftmals finden die Mag-Artikel auch im Rahmen von Kooperationen mit anderen Medien wie z. B. der FAZ ihre Weiterverwendung. Es werden ansonsten auch Google AdWords geschaltet und Cookies eingesetzt, so dass entsprechende Anzeige über Retargeting an die richtige Zielgruppe ausgespielt wird. Ein weiteres spannendes Modell ist „perisphere“ – eine Art Werbe-Vereinigung von Kunstblogs: Dort kann man Werbung buchen, die garantiert nur auf Kunstblogs ausgestreut wird.

Weitere Maßnahmen zur Bekanntmachung des Magazins seien natürlich Pressearbeit in Form von Pressemitteilungen und Berichten über Pressereisen. In Bezug auf Social Networks, die alle ständig auf der Suche nach Inhalten seien, fungiere das Schirn Mag als Ideengeber und Content-Geber.

Fazit: Auch wenn es kein „echter“ Workshop, sondern eher eine Präsentation war, war es ein tolles Best Practice Beispiel, das seinen Namen verdient hat. Hochprofessionell, aktuell und nutzerzentriert. Wenn man die unterhaltsame und kurzweilige Präsentation von Fabian Famulok gehört hat, versteht man, weshalb die Schirn Kunsthalle so erfolgreich ist.

Viele Museen fahren mit angezogener Web 2.0 Handbremse
Insgesamt hat mir die Konferenz sehr gut gefallen: Nicht nur, dass die Teilnahme kostenfrei war: Die Location war toll, die Organisation einwandfrei, die Technik funktionierte, es gab freies WLAN und kostenfreie Pausensnacks. Die Redner waren sehr gut gewählt und die Best Practice Beispiele deckten alle interessanten Themenbereiche ab. Ein großes Kompliment an die Initiatoren und Organisatoren! Es sollte häufiger ähnliche Veranstaltungen im Rheinland geben, da angesichts des guten Zulaufs eine entsprechende Nachfrage besteht. Trotz des positiven Zuspruchs und der hochfrequentierten Veranstaltung war kein echter Enthusiasmus, geschweige denn Euphorie bei den Teilnehmern zu spüren. Den kritischen Fragen war eher verhaltenes Misstrauen zu entnehmen. Somit werde ich das Gefühl nicht los, dass viele Akteure mit angezogener Handbremse agieren: Ich habe den Eindruck, dass viele das Phänomen Web 2.0 notgedrungen mitmachen, weil man nicht mehr daran vorbeikommt, aber selbst nicht 100%ig von der Sache überzeugt sind. Doch nur wer 100%ig dahinter steht, wird erfolgreich, wie man an der Schirn Kunsthalle sieht. Es ist also Zeit, die Bedenken über Bord zu werfen und sich gegenüber neuen digitalen Entwicklungen zu öffnen, sich in die Perspektive von Nutzern zu versetzen und endlich mobil, demokratisch und partizipativ zu werden!

Schon gelesen? Teil 1 meines Berichtes wartet hier auf dich.