Quadriennale Konferenz Düsseldorf | Teil 1

Quadriennale-Tagung „Vernetzung. Über das Morgen hinaus – Neue Chancen für den Ausstellungsbetrieb“ in Düsseldorf

TEIL I

Düsseldorf lud am 16. Mai zu einer Tagung unter dem Motto „Vernetzung. Über das Morgen hinaus – Neue Chancen für den Ausstellungsbetrieb“ ein. Ach, was war es schön, wieder in Düsseldorf zu sein! Auf dem Weg in das Haus der Universität am Schadow Platz, einer vor wenigen Monaten eröffneten Dependance der Uni, die von dem Mäzen Udo van Meeteren gestiftet wurde, ruinierte ich mir zwar beide Absätze, entdeckte aber wieder einmal die Attraktivität der Stadt.

Die Tagung war ein Gemeinschaftsprojekt der Quadriennale 2014 – einer alle vier Jahre stattfindenden Kunstveranstaltung der Stadt Düsseldorf – und der Heinrich-Heine-Universität und stellte mit Vorträgen und Workshops Strategien zur on- und offline Vernetzung vor. Bekannte Institutionen wie die Schirn Kunsthalle Frankfurt, das ZKM Karlsruhe, das Dortmunder U sowie Wissenschaftler, Blogger und Pädagogen gaben Einblicke in die Bereiche Museumsmarketing, webbasierte Partizipation, Vermittlung, Twitter, Blogs und vieles mehr. Die ca. 200 Teilnehmer bildeten die Museumslandschaft NRWs gut ab: Von der Kunstsammlung NRW über das Museum Kunstpalast, Museum Folkwang, Kunsthalle Düsseldorf bis hin zur Bundeskunsthalle Bonn waren sie alle da und lauschten gespannt den Rednern.

„Das Internet ist für uns alle Neuland.“

Mit einer Begrüßung von Jun.- Prof. Dr. Ulli Seegers, die an der Heinrich-Heine-Universität Kunstgeschichte mit dem Schwerpunkt Kunstvermittlung lehrt, ging es los. Frau Seegers nutzte ein Zitat von Bundeskanzlerin Angela Merkel als Aufhänger, mit dem diese beim Deutschland-Besuch des US-Präsidenten Barack Obama im Jahr 2013 bundesweit für Hohn und Spott sorgte: „Das Internet ist für uns alle Neuland“. So sehr Frau Merkel verspottet wurde, für den Kulturbereich  gilt dieser Ausspruch bedauerlicherweise immer noch und verdeutlicht damit die Kluft zwischen Lebenswirklichkeit und Kultur. Als einige wenige der Leuchttürme in der deutschen Museumslandschaft in Sachen Onlinekommunikation hob Frau Seegers die Frankfurter Häuser Schirn Kunsthalle und Städel Museum hervor.

Auf diese inspirierende Einleitung folgte eine Einführung von Frau Prof. Dr. Andrea Hausmann mit dem Titel „Museumsmarketing 2.0: Potenziale und Erfordernisse“. Frau Hausmann leitet an der Europa-Universität Viadrina den Masterstudiengang Kulturmanagement und Kulturtourismus und veranstaltete letztes Jahr in Frankfurt (Oder) und Berlin ein Symposium zu dem Thema „Kunstvermittlung 2.0“, bei dem ich einen Vortrag über die Social Media Kampagne „El Greco und die Moderne + DU“ gehalten habe und über das ich hier schon umfassend berichtet habe.

Warum eigentlich Marketing?

IMG_0265

Die provokante Eingangsfrage „Warum Marketing?“, die sich immer noch von vielen Museumsverantwortlichen leise gestellt wird, wischte Frau Hausmann mit einem simplen Bild einer Menschenmenge im Museum vom Tisch: Es gehe beim Museumsmarketing 2.0 darum, Menschen zu begeistern und die vorhandene Technik so einzusetzen, dass sie nicht nur Spaß an der Kunst, sondern auch Wissen vermittle.

Nutzer gewinnen – Nutzer zufriedenstellen – Nutzer binden

Als oberste Voraussetzung aller Marketingbasierten Aktivitäten fordert Frau Hausmann, dass diese fundiert sein sollen, d. h. dass sich jedes Institut im Vorfeld von Marketinganstrengungen die Frage nach der Zielsetzung stelle. Als Prinzipien des Museumsmarketing (2.0) stellte uns Frau Hausmann schließlich drei Aspekte vor: „Nutzer gewinnen“ durch Vorteile gegenüber dem Wettbewerb – das sogenannte Alleinstellungsmerkmal bzw. Unique Selling Proposition (USP), „Nutzer zufriedenstellen“ und das gehe nur, wenn man die Nutzerorientierung in den Mittelpunkt seiner Tätigkeit stelle und schließlich „Nutzer binden“ über wow-Erlebnisse, Relationship-Marketing und Friendraising. Dieser Prozess sei allerdings nur umsetzbar, wenn er zum festen Bestandteil der Unternehmensphilosophie werde. Marketing müsse in der Führungsebene gelebt und als Leitidee an die Mitarbeiter vermittelt werden, sonst funktioniere dieses Konzept nicht. Schließlich seien Museen aufgrund der Immaterialität ihrer Leistungen – auch wenn sie dies nicht gern hören – Serviceanbieter und sollten Besucher dort abholen, wo diese stehen. Und das gehe nur, wenn sie Schwellen senken und als offene Institute auf die Menschen zugehen.

Marketing 2.0 ist immer eine prozessorientierte Vorgehensweise.

Es handele sich immer um eine prozessorientierte Vorgehensweise beim Museumsmarketing 2.0: Am Anfang stehe immer eine Strategie mit der Analyse der Ausgangssituation, Festlegung der Ziele und Strategien. Potenziale bringe das Museumsmarketing 2.0 sehr viele mit sich: Es sei eine andere Form der Kommunikation und Information mit dem Ziel eines Dialogs, es stärke das Branding, diene als Marktforschung und Reputationsmanagement. Eine aufgebrachte Zuhörerin kritisierte, dass Marketing sich zwischen den Menschen und die Kunst stelle. Darauf entgegnete Frau Hausmann, dass Marketing dies keinesfalls tue, sondern vielmehr die Menschen zur Kunst bringe.

Passend war der Vergleich eines Teilnehmers aus dem Zuhörerraum, der die Marketingaktivitäten von deutschen Museen analog zum Fußball in vielen verschiedenen Ligen eingeteilt sah.

Übrigens, in den nächsten Wochen bringt Frau Prof. Hausmann eine Publikation zu dem Symposium “Kunstvermittlung 2.0″ heraus, das letztes Jahr in der Europa-Universität Viadrina und in der Berlinischen Galerie veranstaltet wurde. Dort findet sich auch ein Artikel von mir zur Social Media Kampagne “El Greco und die Moderne + DU”, auch als “Bildpaten” bekannt.

Projekt ArtOnYourScreen: Produktion und Vermittlung von Netzkunst

Der zweite Vortrag von Julia Jochem, die sich im ZKM – Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe mit digitalen Trends, Medienkunst, Social Media und performativer Kultur beschäftigt, stellte das Projekt ArtOnYourScreen vor. Es handelt sich dabei um die Produktion und Vermittlung von digitaler Kunst und keinesfalls um digitalisierte analoge Kunst, d.h. ArtOnYourScreen bzw. AYOS ist kein virtueller Rundgang durch eine Sammlung oder Ausstellung, sondern eigenständige Netzkunst.

„You can switch it ON online – but you can only switch it OFF in the real world.”

fur

Um sich dieses abstrakt klingende Projekt, besser vorstellen zu können, zeigte Julia die Arbeit One-way Interaction Sculpture der Künstlergruppe fur, die auf dem Sender-Empfänger-Kommunikationsmodell von Claude E. Shannon basiert: Eine im Museumsfoyer platzierte Lampe lässt sich von jedem Rechner auf der ganzen Welt einschalten, allerdings nicht ausschalten. Das kann nur ein Besucher „live“ vor Ort tun. Dabei ist eine Webcam auf die Szenerie im Foyer gerichtet, so dass die User die Menschen im Museum beobachten können, umgekehrt ist das allerdings nicht der Fall. Über diese Ein- und Ausschalttätigkeit hinaus ist keine weitere Kommunikation zwischen dem Online User und dem Museumsbesucher möglich.

Ein weiteres Werk, das im Rahmen von AYOS vorgestellt wird, ist von dem Künstler Rafaël Rozendaal, der der Ansicht ist, dass Internetwerke nie gleich aussehen. Dieses Prinzip spiegelt seine browserbasierte Arbeit wider: Jedes Mal, wenn ich meine Maus bewege, ändert sich die Komposition des Werkes. Der Browser ist sozusagen die Leinwand.

Pinterest, Soundcloud, Vimeo, Vine als Alternative zu Facebook

Das ZKM legt einen großen Wert auf die Vermittlungsarbeit und hat speziell dafür eine neue Stelle eingerichtet – großes Kompliment für diese weitsichtige Entscheidung! Die Vermittlung steht unter dem Motto „Be part of it!“ und nutzt Strategien wie digitales Storytelling.

 

Die Channels, die das ZKM für die Vermittlung der digitalen Kunstwerke nutzt, stelle ich euch jetzt kurz vor: Facebook ist natürlich dabei, allerdings bemerkte Julia Jochem treffend, dass die dort praktizierte Einweg-Kommunikation eher nachrangig für Kunstvermittlung sei, da die Leute zwar den Like-Button betätigen, jedoch kaum Dialoge führen. Videoplattformen wie Vine und Vimeo böten weitaus kreativere Möglichkeiten der Vermittlung als youtube: Auf Vimeo zeigt das ZKM Tutorials, die die komplexen Werke näher erläutern. Auf Vine können User partizipieren und Videoschnipsel, die im Dauerloop laufen, mitgestalten. Weiterhin plant das ZKM eine Art Mindmap auf tumblr – einem visuellen Netzwerk, das insbesondere bei der jüngeren Zielgruppe beliebt ist -, um verschiedene Zusammenhänge der Kunstwerke visuell darzustellen und neue Perspektiven aufzuzeigen.  Daneben nutzt das ZKM Soundcloud, um akustische Kunstwerke partizipativ zu vermitteln: Auch hier können User selbst kreativ werden und eigene Soundschnipsel erstellen. Last but not least zeigte Julia uns das Vorhaben, eine Wissenscollage zu erstellen, für die Pinterest die Plattform erster Wahl gewesen sei. Allerdings sei das ZKM aufgrund des starren Designs von Pinterest dann doch eher auf eine andere Lösung umgestiegen und habe mit CMS Pearch eine assoziative Collage auf der ZKM-Website erstellen lassen. Diese Collage spiegelt die Prozesshaftigkeit von Werken wider und kann unendlich ergänzt und erweitert werden.

IMG_0267

Nach einer kurzen Kaffeepause konnten wir dann unsere im Vorfeld gewählten Workshops besuchen. Eigentlich war ich auf dem Weg zum Workshop von Tanja Praske über Blogs, landete jedoch versehentlich in dem vollbesetzten Raum von Mechthild Eickhoff vom Dortmunder U (der Aufzug war schuld), was sich als außerordentlicher Glücksfall herausstellte. Denn Frau Eickhoff präsentierte die beiden Ausstellungen „Moving Plot – Moving People“ und „Moving Types“, die mich kürzlich bei einem Spontanbesuch des Dortmunder U sehr begeisterten.

U

Paradebeispiel für Kunstvermittlung: U2_Kulturelle Bildung im Dortmunder U

Zu Beginn stellte Frau Eickhoff treffend fest, dass Vermittlungskonzepte in der Regel von der Ü40-Generation erstellt würden, jedoch schlussendlich von unter 18jährigen konsumiert würden, was per se einen Konflikt in sich berge. Das Dortmunder U vermag diesen Konflikt zu lösen, was die Ausstellung „Moving Types“ – über die Ausstellung habe ich hier schon ausführlich berichtet – bestens demonstriert: Die Ausstellung präsentierte die Geschichte der Typografie in Form von Filmen, die auf 300 mit QR-Codes versehenen Leuchtkuben über bereitgestellte iPads angeschaut werden konnten. Nicht nur, dass die Inhalte, die für Kinder bestimmt waren, auf einer kindgerechten Höhe präsentiert wurden und eine Vielzahl von Interaktionsmöglichkeiten geboten wurden, die Besucher wurden zu Co-Kuratoren der Ausstellung, indem sie frei wählen konnten, welche Inhalte sie sich anschauen oder eben nicht. Auf diese Weise entfalle die kuratorische Hoheit, wie Frau Eickhoff treffend sagte. Interessant sei gewesen, die jungen Besucher in der Ausstellung zu beobachten, die im Umgang mit digitalen Medien ganz klar im Vorteil gegenüber älteren Menschen seien und die es vor allem schätzen, mit ihrem iPad eigens gewählte Inhalte in einem nahezu privaten Rahmen anschauen zu können.

Der Katalog hat übrigens das Ausstellungskonzept konsequent weitergeführt: Im Katalog abgedruckte QR-Codes führten zu den Filmen, so dass eine individuelle Fortsetzung des Ausstellungsbesuchs auch außerhalb der Ausstellungsräume möglich war. Link zum Trailer der Ausstellung Trotz der dominierenden Digitalisierung merkte Frau Eickhoff an, dass Print noch immer seine Berechtigung habe, da beispielsweise die pädagogischen Flyer ständig abgegriffen seien und vor allen Dingen von interessierten Eltern nachgefragt würden.

„Alles, was außerhalb der Realität liegt, lässt sich mit Kunst bewältigen.“

Die Vermittlungsaktivitäten der U2_kulturelle Bildung haben alle die Zielsetzung, die Persönlichkeit der jungen Menschen mit dem Medium Kunst zu entwickeln. Frau Eickhoff formulierte es als die „Schulung eines Möglichkeitssinns, denn alles was außerhalb der Realität liegt, lässt sich mit Kunst bewältigen“. Das U2_kulturelle Bildung sieht seine Ausstellungen selbst als eine Art Jugendgalerie bzw. einen Repräsentationsraum, in dem keine Kunst, sondern die Ideen und Gedanken von Kindern und Jugendlichen ausgestellt würden.

Aus der Vermittlungsarbeit mit Kindern ist schließlich die Ausstellung „Moving Plot – Moving People“ entstanden, über die ich hier schon berichtet habe. Im Fokus der Ausstellung, die Installationen zum Thema Typografie zeigte, stand Interaktivität: Die Besucher wurden auf diversen Ebenen involviert, indem sie beispielsweise Kommentare zu Werken hinterlassen konnten und auf diese Weise zu Mitgestaltern der Ausstellung wurden. Eines der spannenden Exponate war eine Dixie-Toilette, die als Rückzugsort diente und die Besucher dazu aufforderte, ihre Gedanken und Fragen in Form von altmodischen gelben Post-its zu notieren und auf die Toilette zu kleben. Somit wuchs durch die Initiative der Besucher das Kunstwerk immer mehr, bis von dem ursprünglichen Exponat nichts mehr zu sehen war, weil es von einer gelben Masse bedeckt war. Die sprachliche Verbindung von „Post-it“ und „Posten“ verwies auf das Mediennutzungsverhalten der heutigen Zeit.

In der Mittagspause organisierte der Verein Kulturvermitteln e.V. ein Meet & Greet der Mitglieder in der Trattoria Pocchino im Kö-Bogen. Der Verein schafft mit regelmäßigen Treffen ein Forum für Kunstvermittler und Kulturinstitute, organisiert die jährliche Benefiz-Versteigerung der sog. Kulturdialoge – dort können Treffen mit Kulturmachern ersteiert werden – und sorgt mit Fachvorträgen und Tagungen für einen regen Austausch zum Thema „Kulturvermittlung“. Schaut am besten mal selbst und werdet Mitglied!

IMG_0203Weiter gehts: Teil 2 meines Berichtes wartet hier schon auf dich.