UWE STRAUCH

Der Diplom-Informatiker Uwe Strauch ist Gründer von museum.de mit Sitz im Meerturm in Xanten am Niederrhein, Initiator des Portals www.museum.de und Herausgeber des Magazins Museum.de. Ende April 2014 bringt er zudem die App museum.de Version 2 mit integriertem Audioguide heraus, der sowohl online als auch offline funktioniert. Infos zur App mit einem Videotrailer gibt es hier.

1. Lieber Uwe, Du bist nicht nur leidenschaftlicher Kunst- und Kulturfan, Du hast auch durch Deine Museumspublikation museum.de einen guten Einblick in die Museumswelt. Was glaubst Du, ist das größte Potenzial von Museen und wie können sie es optimalerweise so nutzen, dass sie im Wettbewerb gegen andere Freizeitaktivitäten bestehen?
Das größte Potential liegt im Authentischen. Im Echten. In der Glaubwürdigkeit. Das gibt uns Halt. Das soll aber nicht bedeuten, dass wir moderne Kommunikationsmittel verbannen. Das Museum sollte ein Teil unseres Lebens sein und die didaktische Schnittstelle sollte zeitgemäß sein. In der Ausgabe 14 vom Magazin Museum.de berichteten wir über “CREDO -  Christianisierung Europas im Mittelalter”. Es gab nicht nur beeindruckende Leihgaben aus vielen Museen, sondern auch einen virtuellen Taufbrunnen, der von dem Kölner Professor Sina Mostafawy konzeptioniert wurde. Die Besucher kamen mit dem virtuellen Taufbecken im Diözesanmuseum interaktiv in Berührung, was zu einem lebendiges Szenario beitrug und Gäste aller Altersgruppen faszinierte. Die vielbesuchte Ausstellung war in jeder Hinsicht ein großer Erfolg. Ich will damit sagen, dass wir im Museum keine didaktische Insel schaffen sollten.

Wichtig ist doch, die Menschen in ihrem hier und heute abzuholen.

Das Museum darf kein Ort der Anstrengung sein. Die Menschen sind durch Beruf und Ausbildung in ihrem Alltag geistig sehr eingespannt und möchten in Ihrer Freizeit die Batterien aufladen. Die Wissensvermittlung muss mit Freude angenommen werden und darf auch unterhaltend sein. Das Wort Spaß ist ja im musealen Bereich leider so ein Unwort, was ich wirklich nicht verstehe. Das kommt wohl von dem reichlich abgenutzten Wort Spaßgesellschaft. Wer möchte nicht Spaß am Leben haben? Spaß bedeutet noch lange nicht Niveau- und Inhaltslosigkeit.

2. An welchem Ort hattest Du Dein bislang schönstes Kulturerlebnis, das Dich nachhaltig geprägt hat, und warum?
Ich bin in Xanten buchstäblich zwischen Römerscherben aufgewachsen. Wenn ich als Kind im Garten wenige Zentimenter gegraben habe, hielt ich Römerscherben in der Hand. Das ist schon etwas anderes als das viele Plastikspielzeug von heute. Eben echt. Aber natürlich hatte ich auch die typischen Matchbox-Autos. Unweit von unserem Haus haben wir im heutigen Archäologischen Park zwischen den Resten der römischen Arena gespielt, die inzwischen rekonstruiert wurde. Als Jugendlicher fand ich diese ganze historische Nummer dann ganz schlimm und wollte dem alten Stehengebliebenen nur noch entrinnen. Das Informatikstudium und ein Job in der Entwicklungsabteilung einer Frankfurter Großbank sollten mich auf den “richtigen Weg” bringen. In den ersten Internet-Tagen kam ich dann aber auf die Idee mit museum.de und das hat ja auch irgendwie mit meiner Vorgeschichte in Xanten zu tun. Nach einigen Umwegen bin ich wieder in Xanten ausgekommen. Mitten im Herzen der Stadt, im Meerturm (13. Jh.). Die über 2 Meter dicken Wände könnten sicherlich viele Geschichten erzählen und in manch ruhiger Stunde abends tun sie es vielleicht auch  ;). Kultur wird nicht nur präsentiert, sie findet zum Teil ja auch im Kopf des Rezipienten statt oder wird dort (weiter) entwickelt. Kultur nimmt man nicht nur mit den Sinnen wahr, sondern in erster Linie in seiner eigenen Gedankenwelt. Ich bin ganz vom Projekt vereinnahmt, denn jedes Museum führt mich thematisch in eine ganz neue Welt und oft auch in ein anderes Jahrhundert. Es ist wie im Raumschiff Enterprise, wenn Scotty den Beamer bedient, um die Mannschaft über Raum und Zeit hinwegzusetzen.

3. Kulturbetriebe stehen unter großem Druck: Sie werden nach Besucherzahlen gemessen, die öffentlichen Gelder werden immer mehr gestrichen und gleichzeitig sollen sie ihre alten Strukturen über Bord werfen und wettbewerbsfähig sein. Was ist Deiner Meinung nach der entscheidende Faktor für Kulturinstitute, um in den nächsten 50 Jahren zu bestehen?
Museen können alte Objekte ausstellen, sie müssen aber nicht mit alten Methoden arbeiten. Ich würde die Teams in den Museen deutlich interdisziplinärer ausrichten. Ins Marketing gehört ein Marketing-Manager(in) und kein Kunsthistoriker. Museen müssen sich bei der Kommunikation und der Vermittlung besser auf ihre Besucher einstellen. Ein wissenschaftliches Kokettieren vor Kollegen anderer Häuser halte ich für keinen guten Weg, weil das den Zugang der “Amateur-Besucher” erschwert. Nach den ICOM-Richtlinien hat das Museum den Auftrag zu Sammeln, Bewahren und zu Vermitteln.

Die Vermittlung hat an Bedeutung gewonnen.

Museen werden von Menschen für Menschen gemacht. Außerdem plädiere ich dafür, dass Museumsdirektoren und Kuratoren maximal acht Jahre im gleichen Museum tätig sind. Es müsste eine Rotation der Mitarbeiter verschiedener Museen geben, damit die Häuser stets einen frischen Charakter behalten. Sicherlich wäre es vorteilhaft, wenn die Mitarbeiter nicht von der Uni direkt ins Museum wechseln. Ein Zwischenstopp in der freien Wirtschaft schärft die Sinne im Hinblick auf “Was will der Kunde?”. Natürlich kann ein Museum nicht jedem Wunsch nach Unterhaltung entsprechen und die wenigsten Häuser werden sich selbst finanziell tragen können. Die Politik muss endlich begreifen, dass Museen die Wohnzimmer für die Kultur sind. Sie sollten so wirtschaftlich geführt werden, wie möglich. Wenn man die Museen aber nur auf Zuschusseinrichtungen reduziert betrachtet und sie schließt, dann wird es in unserer Gesellschaft an geistiger Tiefe fehlen. Unser Rohstoff liegt in den Köpfen und die Kultur ist das, was unseren kreativen Geist antreibt. Ohne diesen geistigen Treibstoff wird die Wirtschaft in Zukunft nicht in der Lage sein, innovative Produkte zu kreieren.

4. Für welches Kunstwerk oder Kulturerlebnis würdest Du viel Geld ausgeben?
Wenn ich durch einen Wald spaziere, kann ich das richtig genießen. An dem Meerturm aus dem 13. Jahrhundert, in dem museum.de beheimatet ist, hänge ich sehr. Jedoch: Ich bin weder Eigentümer eines Waldes noch vom Meerturm. Ich will es auch gar nicht sein. Freude sollte man mit den Mitmenschen teilen:

Sei hoch beseligt oder leide,
das Herz bedarf ein zweites Herz.
Geteilte Freud’ ist doppelte Freude,
geteilter Schmerz ist halber Schmerz.

Christoph August Tiedge

Wertvolle Kunstwerke sollten öffentlich und allen Menschen in Museen zugänglich sein. Teure Kunst als Eigentum würde mich nur erdrücken. Die Antwort für mich lautet also: Für Kunst würde ich nicht viel Geld ausgeben. Aber die Gesellschaft sollte nicht daran sparen.

5. Wenn Du einen einzigen Wunsch frei hättest, was würdest Du am Kultursystem verändern?
Museen als Station für die Kultur sollten Orte sein, an denen man sich spontan wohl fühlt. Das entscheidet nicht der Kopf, sondern Herz und Bauch.

Vielen Dank Uwe Strauch

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