Video Tutorials auf der MAI-Tagung

Bei jedem kleinsten Problemchen greifen wir mittlerweile auf Video Tutorials zurück und lassen uns von fremden Menschen mit Hilfe einer Videoanleitung erklären, wie man sich die Haare im Weltall wäscht, ein Känguru mit bloßen Händen fängt oder würdevoll auf High Heels läuft – alles Dinge, die man so braucht. Der HMKV (Hartware MedienKunstVerein) hat dieses Phänomen, das eine ganze Generation prägt, in einer Ausstellung beleuchtet und genau darüber sprach ich am 11. Mai  auf der MAI-Tagung (Museums and the Internet) in der DASA Arbeitswelt Dortmund.

Es entstanden bereits viele tolle Blog-Artikel über die Tagung und die spannenden Vorträge, unter anderem von Anke von Heyl, Kristin Oswald von Kulturmanagement Network, Eva WesemannStephanie Müller, Wera Wecker, Michelle vanderVeen, dem Kunstmuseum Stuttgart und dem Historischen Museum Frankfurt, daher beschränke ich mich auf den Beitrag, den ich für den HMKV (Hartware MedienKunstVerein) präsentiert habe. Unter dem Titel „Wie soziale Medien die Ausstellungspraxis beeinflussen – Ein neues Ausstellungsformat des HMKV“ war ich direkt am Montagnachmittag dran und hatte im Vorfeld schon Blut und Wasser geschwitzt, ob ich es auch tatsächlich schaffe, in der vorgegebenen Zeit von 15 Minuten zu bleiben. Denn die MAI-Tagung war bestens durchorganisiert und bot ein Forum für Duzende Redner, so dass Verspätungen mit eindeutigen Blicken von Thilo Martini, dem Tagungsverantwortlichen, quittiert wurden ;-).

Fast jeder Vortrag beginnt mit der obligatorischen Selbstpräsentation, die mitunter sehr ermüdend sein kann, und auch ich konnte nicht umhin, den HMKV, der sich seit 1996 als Ausstellungshalle, Forschungslabor und Aktionsplattform der Medienkunst verschrieben hat, zumindest ganz kurz vorzustellen. Und zwar wirklich ganz kurz im Twitter-Stil mit drei Hashtags:

  • Hashtag Nummer 1 #MedienkunstGleichKunstDieSichMitUnsererWeltAuseinandersetzt steht für die Ausrichtung des HMKV, der zeitgenössische Kunst zeigt, die Fragen zu unserer technologisch und digital stark geprägten Welt stellt und beantwortet.
  • Hashtag Nummer 2 #ExperimentellGleichDingeAusprobierenUndQuerdenken spiegelt die Arbeitsweise des HMKV wider, der als privater Kunstverein sehr unabhängig ist und somit auch mal Dinge außer der Reihe wagen kann.
  • Hashtag Nummer 3 #BesucherorientiertGleichLebenswirklichkeitAufgreifen greift die Philosophie des Vereins auf, die den Besucher in den Mittelpunkt aller Aktivitäten stellt. Das äußert sich darin, dass die Programme sich auf hochaktuelle Phänomene beziehen, die gerade UNSER Leben beeinflussen und Fragen beantworten, die WIR uns stellen.

Nach dieser kurzen (und hoffentlich schmerzlosen) Einleitung, ging ich kurz auf den Zweck und Status Quo Sozialer Netzwerke in der Kultur ein, da lange Ausführungen bei der versammelten Expertenschaft nicht nötig und aus Zeitgründen nicht drin waren.

Und da ist eins klar: Die Welt ist digital und das Mediennutzungsverhalten der Menschen hat sich unwiederbringlich verändert. Auch Kulturinstitute bleiben von der digitalen Revolution nicht verschont, selbst wenn sie oftmals nur mit großer Mühe Schritt halten können. Fast alle Kulturinstitute nutzen Facebook, Twitter, YouTube & Co., allerdings fast ausschließlich für kommunikative Zwecke, denn die Sozialen Netzwerke haben es – zumindest im deutschen Raum – bislang nur selten geschafft, bis in den Ausstellungsbereich vorzudringen. Und diese Grenze zu überschreiten, das hat der HMKV einfach mal probiert.

Die Geschichte, die ich anschließend erzählte, nahm im Sommer 2014 seinen Lauf. Der HMKV stand vor der Herausforderung, einen Zeitraum von acht Wochen zu bespielen, und zwar mit einem knappen Budget und innerhalb der schönsten Sommerzeit. Keine einfache Ausgangssituation, aber wir erinnern uns an Hashtag Nummer 2 aus der Selbstvorstellung: Der HMKV ist experimentell, probiert Dinge aus und denkt quer. Somit beschloss der HMKV, experimentell an die Sache heranzugehen und Soziale Medien aus der kommunikativen Funktion heraus und in die Ausstellungsräume hinein zu holen.

HOW TO PISS IN PUBLIC

Denn: Menschen benutzen Soziale Netzwerke für weitaus mehr als nur für die Kommunikation: Sie binden sie in ihren Alltag ein, z. B. in Form von sogenannten Video-Tutorials.

Fast jeder von uns hat sich schon mal Hilfe im Internet gesucht, ob bei profanen Problemen bei der Installation von Druckertreibern, beim Binden von Schnürsenkeln oder den obligatorischen Tanzschritten für den Hochzeitswalzer, den ich übrigens auf diese Weise in gerade mal zwei Stunden perfekt gelernt habe ;-). Somit sind Soziale Medien nicht nur ein Kommunikationsinstrument, sondern zum Teil unseres Lebens geworden. Und da der HMKV Ausstellungen zeigt, die sich mit unserer Welt auseinandersetzen – siehe Hashtag Nummer 1 – entstand das Pilot-Projekt „Jetzt helfe ich mir selbst“, die die 100 besten Video Tutorials aus dem Netz präsentierte. Und zwar eine Auswahl der witzigsten, absurdesten, spannendsten, unheimlichsten und amüsantesten Video-Tutorials auf YouTube.

Ich selbst habe die Ausstellung gesehen und schon mit dem Betreten des Saales erlebte man als Besucher eine akustische Explosion: Auf allen Wänden, auf diversen Podesten und Paletten, großen und kleinen Bildschirmen liefen alle 100 Videos gleichzeitig und erzeugten den totalen Overkill von Sounds, Lernangeboten, bizarren und belanglosen Anleitungen.

Proper Opossum Pedicure

Die zentrale Frage, die die Ausstellung stellte, war folgende: Warum machen so viele Menschen Video-Tutorials? Warum erklären sie anderen, wie man etwas macht – ohne Gegenleistung und ohne ihr Gegenüber überhaupt zu kennen? Denn die Öffentlichkeit im Netz ist ja zunächst eine anonyme, abstrakte Öffentlichkeit. Wollen die Macher ihr Wissen einfach nur selbstlos weitergeben? Geht es ihnen um Ruhm und Ehre? Ist es Altruismus? Geht es um politische Aussagen? Oder einfach nur um Spaß? Oder am Ende des Tages doch wieder um die Kohle? Es gibt zahlreiche Motive, die alle eines gemein haben:

Diese Art der Selbstdarstellung spiegelt unseren Zeitgeist wider und ist seit dem Aufkommen der Sozialen Netzwerke virulent geworden. Was früher für den Autofreund die Buchreihe “Jetzt helfe ich mir selbst” war, ist heute – im Zeitalter des Do-it-yourself (DIY) – das Video-Tutorial im Netz.

Seien es „praktische“ Dinge wie das Zählen auf Finnisch (üksi, kaksi,…), der eurythmische Zugang zum eigenen Namen und findige Anleitungen, elegant in der Öffentlichkeit zu pinkeln, „lebenswichtige“ Fragen des Lebens wie die Instruktion zur perfekten Opossum-Maniküre oder der ultimative Geheimtipp, wie man auf jeden Fall an einem Türsteher vorbekommt bis hin zu skurrilen Fitnessvideos mit als Pudeln verkleideten Teilnehmern: Für fast alle Themen holt man sich heute Hilfe aus dem Internet. „How-To“-Videos sind zu einem extrem wichtigen Phänomen der DIY-Kultur geworden.

An Türsteher vorbeikommen Gang, so komme ich in jede Disco rein ohne Schlägerei

Die Auswahl der Videos war zufällig und nicht repräsentativ und entstand in Zusammenarbeit mit Studenten der Kulturreflexion von der Uni Witten/Herdecke. Das Spektrum reichte von Videos, die mit dem Smartphone gefilmt wurden bis hin zu semi-professionell produzierten Filmen. Auch schief gelaufene Tutorials waren dabei, wie das Video einer jungen Dame, die ihren Zuschauern fachmännisch und selbstsicher zeigt, mit welchen Handgriffen sich perfekte Locken mit einem Lockenstab zaubern lassen und – man ahnt es schon – sich eine komplette Haarsträhne rückstandslos wegbrennt. Da kann man sich als Zuschauer kaum gegen das Gefühl der Schadenfreude wehren.

Und diese zutiefst menschlichen Regungen, die diese Tutorials in uns auslösen – Spott, Schadenfreude, Bewunderung, Verwirrung, Abscheu – sie sind der Gegenspiegel zu den Antriebskräften der Protagonisten in diesen teilweise millionenfach angeklickten Videos.

Als Pilotprojekt angelegt, verzeichnete die Ausstellung einen immensen Erfolg: Mit 4.300 Besuchern in nur acht Wochen stellt der HMKV einen Besucherrekord auf. Auch die Presseresonanz war enorm und umfasste crossmediale Berichterstattung von TV, Funk, Online bis hin zu Monats- und Tagespresse. Selbst Titel, die üblicherweise nicht über eine Ausstellung berichten, wie W&V oder Page, griffen das Projekt auf.

Doch warum war dieses Projekt so erfolgreich? Ich habe vier Erfolgsfaktoren identifiziert: Zum einen verbindet das Projekt Online und Offline – eine zwangsläufige Verschmelzung, die gerade in allen Bereichen stattfindet und eine neue Mediennutzung der Menschen hervorbringt. Weiterhin greift sie das Erfolgsprinzip sozialer Medien auf, nämlich „Partizipation“: Es ist eine Ausstellung, die gewissermaßen von den Machern der Tutorials – also augenscheinlich keinen Kuratoren – gestaltet und kuratiert wurde. Dabei wurde das Prinzip „Partizipation“ auf jeder Ebene gelebt und nahm seinen Ursprung in der Kooperation mit der Uni Witten/Herdecke. Und partizipatorische Projekte erreichen nun mal weitreichende Multiplikatoren-Effekte, denn die teilhabenden Menschen haben eine viel höhere Motivation zur Weiterempfehlung.

Zum anderen greift die Ausstellung die Lebenswirklichkeit der Menschen auf und schafft damit eine Relevanz: Alles, was uns wirklich betrifft, erlangt einen höheren Stellenwert in unserem Leben. Last but not least, öffnet sie Ausstellungsräume für aktuelle Tendenzen und frönt damit dem Zeitgeist.

Burning My Hair Off -ORIGINAL VIDEO- (Hair Tutorial Gone Wrong)

Der Erfolg der Ausstellung zeigt ganz deutlich die Ansprüche der heutigen Kulturbesucher, die sich insbesondere in den letzten Jahren massiv geändert haben und sich wahrscheinlich weiterhin täglich ändern werden. Diese  führte schließlich zu der Entscheidung des HMKV, diesen Ausstellungstypus fortzusetzen, der am 25. Juli 2015 mit dem Projekt „Digitale Folklore“ in die zweite Runde geht. „Digitale Folkore“ befasst sich mit dem Phänomen einer neuen Ästhetik in Netz, die mit dem Aufkommen des Web 2.0 groß geworden ist: User bringen sich aktiv ein, indem sie ihre eigenen Bildchen produzieren, collagieren und remixen. Nicht nur, dass das demokratische Wesen des Web 2.0 aus konsumierenden Usern sogenannte Prosumenten gemacht hat, es entstand dabei eine ganz besondere Kitsch-Ästhetik der niedlichen Kätzchen und glitzernden Regenbogenverläufe, die bisher eher belächelt wurde, aber nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken ist. Vielmehr prägen diese lustigen, bunten Bildchen unsere Welt und werden daher im HMKV näher betrachtet.

Was kann man aus diesem Projekt des HMKV lernen? Einerseits ist es sicherlich essentiell Ausstellungsthemen bis ins Hier und Heute zu verlängern, um eine Relevanz für die Besucher zu schaffen. Ein Beispiel ist die Ausstellung von Alain Bieber, dem neuen Chef des Düsseldorfer NRW-Forums, der mit „Ego Update“ – auch als Selfie-Ausstellung in den Medien bekannt – ab dem 19. September die Zukunft der digitalen Identität beleuchtet. Andererseits ist ein flexibles Agieren und Ausprobieren seitens der Kulturschaffenden sehr wichtig: Wenn man sich an Themen heranwagt, die Fragen der Menschen beantworten und zu einer Weiterentwicklung der Gesellschaft beitragen, sollte man diese neuen Formate auch etablieren und fortsetzen. Ebenso sollte man den Mut haben, Formate ohne Relevanz für die Gesellschaft zu den Akten zu legen.

Übrigens, die MAI-Tagung kann ich jedem Kulturschaffenden wärmstens ans Herz legen: perfekte Organisation, spannende Themen und tolle Redner!  Mein Favorit dieses Jahr war Peter Gorgels vom Rijksmuseum Amsterdam, der die digitale Sammlung des Museums und den revolutionär-demokratischen Umgang mit den Bildrechten vorstellte und damit grenzenlose Begeisterung unter den Teilnehmern der MAI-Tagung auslöste. SO macht Museum Spaß!

 

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