ZKM SYMPOSIUM #Kultur40 |PART 5

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Können Video Games in politische Prozesse eingreifen? Können digitale Lösungen Bürgern zu mehr Mitbestimmung verhelfen? Kann Netzkultur zu mehr Demokratie führen?Im 5. und letzten Teil meines Berichts über das ZKM-Symposium #Kultur40 – Now Loading? greife ich die Keynote von Santiago Siri “Democracy and The End of the Self” auf.

Santiago Siri könnte man ohne Zweifel als umtriebig bezeichnen: Er ist nicht nur Game Designer, sondern auch Autor, hat die Partei Partido de la Red (The Net Party) mitbegründet und das Open Source Tool DemocracyOS entwickelt, das eine demokratische Bürgerbeteiligung ermöglicht. Santiago beginnt schon als kleiner Junge Spiele in seinem Kinderzimmer zu entwickeln. Sein erstes Projekt ist Football Delux, ein strategisches Game, das die Organisationsstrukturen der Fußballwelt realistisch darstellt: Die Spieler können den Schiri bestechen und Dopingmethoden einsetzen, müssen dafür aber das Risiko in Kauf nehmen, geschnappt zu werden. Das Spiel wird sehr häufig gehackt, was Santiago als Kompliment und Wertschätzung seiner Arbeit betrachtet.

Video Games vereinen nicht nur viele künstlerische Ebenen, sie sind in der Lage,  diese interaktiv zu verbinden – etwas, das sie der Kunst voraus haben.

Als nächstes entwickelt Santiago Utopia, ein Spiel, in dem nicht mehr nur ein Fußballclub „gemanaged“ wird, sondern eine ganze Gesellschaft. In der Netzcommunity wird Utopia beschrieben als „a one-man assault on politically weighted, socially simulated interactive storytelling“. Die Spieler müssen im Vorfeld eine komplexe Struktur orchestrieren: Sie erarbeiten einen interaktiven Plot, erschaffen Protagonisten mit komplexen Charakteren, bauen eine Szenerie auf und definieren ein emotionales Fundament. Fast wie ein Theaterstück, nur dass das Game die einzelnen Komponenten interaktiv verbinden kann: Spieler können z. B. Handlungsstränge von anderen Spielern integrieren. Diese Eigenschaft verleiht Games – laut Santiago – einen besonderen künstlerischen Status, denn Spiele vereinen nicht nur viele mediale Ebenen wie Bild, Text, Video und Audio bzw. künstlerische Aspekte aus Literatur, Film und den bildenden Künsten, sie sind auch in der Lage, diese Ebenen interaktiv miteinander zu verknüpfen. Das könnte eine Antwort auf die omnipräsente Frage des Symposiums nach dem künstlerischen Wert von Video Games sein. In einem Interview mit dem Game Developer Magazine Gamasutra hebt Santiago Spiele auf eine ganz andere Bedeutungsstufe:

“Games are not just art. They are the most revolutionary form of art mankind has ever known about.”

Dieses Konzept verfolgt Santiago auch auf seinem Blog „Games are Art“, einer Plattform für Gamer, Entwickler, Designer und Künstler. Als Einstieg und programmatische Ausrichtung der Plattform dient bezeichnenderweise das Zitat von Louis Armstrong „What we play is life“. Hier kommt erneut Johan Huizinga mit seinem Konzept des Homo ludens ins Spiel. Ausgehend von Huizingas Theorie des spielenden Menschen sieht Santiago Spiele als Klebstoff der Gesellschaft an.

Santiago Siri beim ZKM Symposium: „Playing is a state of mind. Games make the society stick together.“

Diese gesellschaftliche Relevanz in Video Games findet sich in Utopia und zeigt damit sehr früh Santiagos Ansatz, dem Spiel eine ernsthafte Ebene zu verleihen. Serious play – ein scheinbarer Widerspruch – beschreibt die Möglichkeit, Spiele für ernsthafte Belange der Politik, Kultur und Gesellschaft zu nutzen. Wie Spiele einen politischen Einfluss ausüben können, zeigt z. B. das Spiel American Army. Dieses One-Shooter-Game wurde zu einer der erfolgreichsten und effizientesten Rekrutierungsmaßnahmen der US-Army.

Santiago betrachtet das geltende Konzept der Demokratie mit kritischen Augen: Seiner Meinung nach ist unser Demokratie-Begriff, der größtenteils auf der Möglichkeit, zu wählen basiert, viel zu eng gefasst. Vielmehr zieht der das griechische Konzept der „ágora“ heran, das  Wikipedia wie folgt definiert: „Die Agora (altgriechisch  ἀγορά) war im antiken Griechenland der zentrale Fest-, Versammlungs- und  Marktplatz einer Stadt. Sie war aber zugleich auch eine bedeutende gesellschaftliche Institution und als solche ein kennzeichnendes Merkmal der griechischen Polis. (…) Als Ort der Volks- und Gerichtsversammlungen kam ihr eine herausragende Rolle für das geordnete Zusammenleben in einer Gemeinschaft zu.“ Die Bestandteile des Zusammenkommens, des gemeinschaftlichen Tuns und Entscheidens sind in unserem heutigen Demokratie-Begriff ein wenig außen vor, dabei sind sie es, die laut Santiago eine Gemeinschaft wirklich voran bringen. In einem früheren Interview verwendet er passenderweise eine Internet-Metapher, um die Notwendigkeit einer gemeinschaftlich gelebten Demokratie und die Rolle des Internets in diesem Zusammenhang zu erläutern:

“Ego is the bug in the system. A democracy does not preach. It listens. And the game of listening has changed. The internet is possibly the greatest single listening device ever conceived (…).”

Um diese Demokratie erlebbar zu machen, gründet Santiago 2013 die Partei The Net Party (Partido de la Red) und entwickelt DemocracyOS, eine Open Source Plattform, die Bürgern eine direkte und spielerische Teilhabe an politischen Entscheidungen ermöglicht. Dieses sogenannte „vote and debate tool“ gibt Menschen die Möglichkeit, sich über politische Prozesse zu informieren, in Gespräche einzusteigen und abzustimmen. Eine moderne, zeitgemäße Art, seine Meinung auszudrücken: Wo die Menschen früher auf die Straßen gegangen sind und auf Töpfe gehämmert haben, um sich Gehör zu verschaffen, können sie es heute einfacher, konzentrierter und direkter mit Hilfe von Internet-Lösungen tun. Und zwar mit Lösungen wie DemocracyOS. Andere Länder sind bereits auf DemocracyOS aufmerksam geworden: Jorge Soto, verantwortlich für die digitale Strategie im Stab des mexikanischen Präsidenten Enrique Peña Nieto, hat einen Testlauf mit der Software gestartet und positive Erfahrungen gemacht: “It makes citizen participation easy. It’s kind of a personalized civic engagement.”

Bilanz: 1 Tag, 3 Keynotes, 10 Best Practices, 858 Tweets + 2 Mio. Kontakte

Das Abenteuer Symposium Kultur 4.0 neigt sich dem Ende zu, aber die Nachwirkungen werden noch lange zu spüren sein: Unter dem Hashtag #kultur40 wurden 858 Tweets abgeschickt und fast 2 Mio. Kontakte erreicht. Eine unglaubliche Dynamik, die an einem einzigen Tag entstanden ist. Die Redner haben eine riesige Bandbreite gezeigt, wie Netzkultur gelebt werden kann und wie sie unser Leben beeinflusst. Jetzt heißt es für die Politik: Strukturen schaffen, Bedingungen optimieren und Akzeptanz vorleben.

Vielen Dank an Julia Jochem vom ZKM für dieses einmalige Symposium! Mehr davon! Hier der Link zum ZKM Blog mit dem Bericht über die Veranstaltung.

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